Von Erhard Stackl
Alarmstimmung unter chilenischen Demokrat:innen: Bei den kommenden Präsidentschaftswahlen droht ein Sieg unverbesserlicher Verehrer Augusto Pinochets. Zwei neue Bücher beleuchten das Verhältnis seines 1990 beendeten Gewaltregimes zu den nach 1945 ins Land gekommenen Nazi-Kriegsverbrechern und werfen Fragen auf, über die im aktuellen Wahlkampf heftig polemisiert wird.
Durch „braune Schatten“ sieht der chilenische Soziologe Rafael Alvear sein Land vor den Präsidentschaftswahlen am 16. November verdunkelt. Drei der aussichtsreichsten Bewerber, so schrieb Alvear im Online-Magazin „El Ciudadano“ („Bürger“), stehen politisch weit rechts, „mit besonderer Nostalgie für die Militärdiktatur“. Und sie verweisen durch Namen und Herkunft auf Deutschland und dessen unrühmlich „braune“ Vergangenheit: Evelyn Matthei (71), José Antonio Kast (59) und Johannes Kaiser (49). Umgangssprachlich bezeichnen die Chilen:innen solch rückwärtsgewandte Menschen als „Momios“, ein von der „Mumie“ abgeleiteter Spottbegriff.

Chiles Linksparteien erkoren in internen Vorwahlen die bisherige Sozialministerin Jeannette Jara (51) zur gemeinsamen Kandidatin. Die als Tochter einer Arbeiterfamilie in einer Armensiedlung Aufgewachsene liegt in allen Umfragen voran, allerdings ohne absolute Mehrheit. Wenn, wie zu erwarten, von den Bewerber:innen niemand auf mehr als 50 Prozent kommt, gibt es am 14. Dezember einen zweiten Wahlgang. Bis vor wenigen Tagen wurden Jara dafür kaum Erfolgschancen eingeräumt, ein Sieg der extremen Rechten schien so gut wie sicher. Der Grund: Jeanette Jara ist seit früher Jugend Mitglied der Kommunistischen Partei, die in Chile noch nie Präsidentenwahlen gewann. (Der 1970 gewählte Linkspräsident Salvador Allende war bekanntlich Sozialist.) So versuchte Jara in den Wochen vor der Wahl unermüdlich, Wähler:innen der politisch dezimierten politischen Mitte (ohne eigene chancenreiche Bewerber:innen) anzusprechen und sich von der eigenen Partei etwas zu distanzieren.
Die Rechten übertrumpften einander währenddessen mit scharfen Aussagen gegen „Illegale Migranten“ und die angeblich ausufernde Kriminalität. Dass alle drei deutscher Abstammung sind, mag Zufall sein, entspricht aber dem gängigen Klischee, dass die „Deutsch-Chilenen“ für Effizienz, Recht und Ordnung (sowie Humorlosigkeit) stehen.
Von den knapp zwanzig Millionen Einwohner:innen Chiles sind an die 500.000 deutscher Herkunft. Sie kamen in drei Wellen ins Land: Ab der Mitte des 19. Jahrhunderts wanderten Siedler aus Deutschland (einige auch aus Österreich und der Schweiz) in den Süden Chiles ein und betrieben, bei Verdrängung der indigenen Mapuche, dort Land- und Forstwirtschaft. Die zweite Welle bildeten in den 1930er Jahren Flüchtlinge aus Nazi-Deutschland, vor allem, aber nicht ausschließlich Jüdinnen und Juden. Als böse Ironie der Geschichte folgten ihnen nach 1945 Nationalsozialisten nach, die sich der Verfolgung als Kriegsverbrecher zu entziehen versuchten.
Die Bewerberin und die beiden Bewerber um die Präsidentschaft stammen aus allen drei Gruppen. Eine „Sippenhaftung“, mit der im NS-Staat Angehörige und Verwandte terrorisiert wurden, hat im zivilisierten politischen Diskurs nichts verloren. Kontinuitäten in der Geisteshaltung nachzuspüren, kann aber aufschlussreich sein. Es gab auch Chilenen deutscher Abstammung mit eigenständiger Denkweise wie Manfred Max-Neef (1932 – 2019), der für seine den Armen zugewandte „Barfuß-Ökonomie“ 1983 den alternativen Nobelpries erhielt und 1993 (erfolgloser) Präsidentschaftskandidat der chilenischen Grünen war.
Rechtes Spektrum mit braunen Schatten
Voll ins Klischee passt dagegen Evelyn Matthei, deren Vorfahren im 19. Jahrhundert aus Kassel nach Chile kamen. Ihr Vater Fernando Matthei war Chef der chilenischen Luftwaffe und von 1978 bis zu deren Ende 1990 Mitglied in Pinochets Junta. Die Tochter hält den Putsch von 1973 bis heute für „unausweichlich“, auch wenn sie auf Nachfrage Menschenrechtsverletzungen bedauert. Zu ihrer Partei, der „Unión Demócrata Independiente“ (UDI) gehörte auch Augusto Pinochet von seinem Fall als Diktator bis zum Tod 2006 als „Senator auf Lebenszeit“. Matthei tritt heuer für „Chile Vamos“ („Auf geht’s, Chile“) an, ein Bündnis der UDI mit drei weiteren rechten Gruppierungen aus der stark zersplitterten chilenischen Parteienlandschaft.
José Antonio Kast ist der Sohn von Michael Kast, eines Wehrmachtsoffiziers und NSDAP-Mitglieds, der 1950 mit falscher Identität nach Chile kam. Miguel Kast, ein älterer Bruder von José Antonio, studierte in den USA Ökonomie und war dann als Arbeitsminister in der Pinochet-Diktatur einer der „Chicago Boys“, die mit arbeiterfeindlichen Maßnahmen Chile den Neoliberalismus aufzwangen. Auf ähnlicher Linie (aber für noch weniger Steuern und scharf gegen Abtreibung eintretend) spaltete der jüngere Kast 2019 die „Republikanische Partei“ von der UDI ab. Er unterlag als Kandidat bei den Wahlen 2021 in der zweiten Runde Gabriel Boric, dem nun scheidenden, von einer Links-Koalition getragenen Präsidenten. Amtsinhaber Boric darf aufgrund der Verfassung nicht sofort wieder antreten. Jetzt wird Kast, der auch gute Kontakte zur deutschen AfD unterhält, als nächster Staatschef Chiles gehandelt.

Johannes Kaiser íst, obwohl man das kaum für möglich hält, noch radikaler als Kast. Dabei kam sein Großvater Friedrich 1936 auf der Flucht vor den Nazis nach Chile und verstand sich als Sozialdemokrat. Doch schon die nächste Generation war stramm rechts und tendierte zur UDI. Als Teil der heutigen Politiker-Generation machte sich Johannes Kaiser zuerst als Youtuber (mit nun 160.000 Abonnenten) einen Namen. Nach Studienaufenthalten in Heidelberg und Innsbruck (wo er sich angeblich im Burschenschafter-Milieu bewegte) stieg er zunächst bei Kasts Republikanern in die chilenische Politik ein. Wegen misogyner Attacken (er stellte unter anderem „ironisch“ das Frauenwahlrecht infrage) mit Kast zerstritten, gründete Kaiser seine eigene „National-libertäre Partei“, feierte sich selbst als „Paläoliberaler“ und als „Reaktionär“. Er ist so etwas wie ein chilenischer Milei, allerdings mit stärker autoritärem Touch. Kaiser kündigte beispielsweise an, als Präsident aus internationalen Vereinbarungen für Klimaschutz und Menschenrechte auszusteigen. Chiles „Nationalem Institut für Menschenrechte“ (INDH), für Kaiser eine von den Linken beherrschte „Plage“, werde er den Geldhahn abdrehen.
Sprachen seine beiden rechten Konkurrenten im Wahlkampf davon, „illegale Migranten“ (es ist von einer halben Million Flüchtlingen die Rede, die vor allem aus Venezuela, aber auch aus Haiti und anderen Karibik-Staaten sowie aus Bolivien stammen) „massenhaft deportieren“ zu wollen, so legte Kaiser laut CNN Chile noch eins drauf: Er werde die Grenze zu Bolivien sperren und El Salvadors Präsidenten Nayib Bukele dafür bezahlen, dass er aus Chile Abgeschobene in sein „Megagefängnis“ aufnimmt (wie dies US-Präsident Donald Trump vorgemacht hat).
Mit solch ruppigen Ansagen machte Kaiser in den Medien Furore und legte in den Umfragen plötzlich zulasten des bisher im rechten Lager führenden José Antonio Kast zu. Offenbar fand der als frech und unterhaltsam empfundene National-Libertäre bei sonst unpolitischen jungen Männern ähnlich Anklang wie Javier Milei in Argentinien. Diese Entwicklung verschaffte allerdings den fast schon entmutigten Linken einen Schub frischer Energie. Falls es die politische Rabiatperle Kaiser tatsächlich in die zweite Runde schafft, dann könnten Wähler:innen der politischen Mitte doch noch der sich moderat gebenden Linken Jeanette Jara zum Sieg verhelfen.
Abseits der Parteipolitik gelangten weitere Chilenen deutscher Abstammung in machtvolle Positionen. Im März 2025 verstarb der 1935 in Kassel geborene Supermarkt-König Horst Paulmann, einer der reichsten Männer Chiles. Er war 1946 als Kind mit seinen Geschwistern nach Chile gekommen, weil sein Vater, der SS-Obersturmbannführer und SS-Richter Werner Paulmann, vor der Justiz floh. In Temuco im Süden des Landes stieg die Familie in den Einzelhandel ein. Horst Paulmann entwickelte nach und nach das Milliardenunternehmen Cencosud, das nun in mehreren Ländern Lateinamerikas an die 1000 Supermärkte sowie etliche Baumärkte und Einkaufszentren betreibt. Auch hier soll nicht der Vater dem Sohn zum Vorwurf gemacht werden. Bemerkenswert ist allerdings, dass Paulmann junior – wie viele Unternehmer – den Diktator Pinochet verehrte und ein Fan der Chicago Boys war.
Über die Opfer des von Militärs und Zivilisten getragenen Regimes zwischen 1973 und 1990 sah man gern hinweg. Laut offiziellen Angaben wurden an die 2000 Menschen ermordet und/oder zum „Verschwinden“ gebracht. Als Regimegegner eingesperrt wurden 40.000, von denen die Mehrheit Foltern ertragen musste.
Die Umtriebe eines Nazi-Täters in Chile
Unter chilenischen Demokrat:innen war schon lange von gewissen Ähnlichkeiten des Pinochet-Regimes mit der Nazi-ideologie die Rede, was Konservative und noch weiter rechts Stehende vehement bestritten. In jüngster Zeit setzen sich Historiker:innen intensiver mit möglichen Verflechtungen von Nazi-Verbrechern mit dem Staatsterror in Chile auseinander.
Im Zentrum dieses Geflechts und seiner Folgen für die Gegenwart Chiles steht ein Name: Walther Rauff. 1906 in Magdeburg geboren, wurde er nach dem Ersten Weltkrieg Offizier der deutschen Marine und trat 1937 in die NSDAP und in die SS ein. Als führender Mitarbeiter im Reichsicherheitshauptamt, einer Zentrale des Repressionsapparats der Nazis, leitete er – noch vor dem Bau von Gaskammern – die Entwicklung sogenannter „Gaswagen“. In den Kastenaufbau dieser LKW wurden KZ-Häftlinge gepfercht und unterwegs durch Einleitung der Auspuffgase ermordet.
Danach war Rauff in Nordafrika (und auch dort bei der Judenverfolgung) sowie später gegen Partisanen in Norditalien eingesetzt. Nach der Kapitulation 1945 von den Alliierten in Rimini interniert, gelang Rauff die Flucht nach Syrien. Dort setzte er als Berater auf einen syrischen Putschisten, der im Gefängnis landete. Anders als andere Nazi-Größen, die auf Dauer im Nahen Osten unterkamen, kehrte Rauff überstürzt nach Italien zurück, wo er sein Insiderwissen zu Syrien mit westlichen Geheimdiensten und sogar mit Israels Mossad teilte. 1949 schaffte er es mit Unterstützung aus dem Vatikan auf der sogenannten „Rattenlinie“ mit Ehefrau und zwei Söhnen nach Südamerika.

Erste Station war Quito, die Hauptstadt Ecuadors, wo die Rauffs nach außen hin ein „normales Leben“ führten. Unter dem Namen Raliff habe Rauff damals offiziell in einer Autowerkstatt gearbeitet, insgeheim bald Informationen über Kommunisten an deutsche Stellen geliefert, die ab 1956 als „Bundesnachrichtendienst“ firmierten. In dessen Auftrag soll Rauff 1958 nach Chile übersiedelt sein. Wie es möglich war, dass sich ein NS-Kriegsverbrecher dort eine Doppelexistenz als Unternehmer und Geheimdienstler aufbauen konnte, versucht der junge chilenische Historiker Gustavo Guzmán in einem Buchbeitrag nachzuzeichnen. Unter dem Titel „Mantel des Schweigens: Leben und Netzwerke von Walther Rauff in Chile“ ist er Teil des im Original auf Englisch erschienenen Sammelbands „Nazis and Nazi Sympathizers in Latin America after 1945“ (siehe meine Besprechung „Tango hitlerista oder: Ein Einfallstor für Kriegsverbrecher“).
Die einschlägige Literatur wie die Rauff-Biografie von Martin Cüppers aus dem Jahr 2013 rezipierend, schildert Guzmán die wichtigsten Stationen: Mit dem ruhigen Leben war es vorbei, als der Name „Rauff“ 1961 beim Prozess gegen Adolf Eichmann genannt wurde, einem der Hauptverantwortlichen für den millionenfachen Mord. Deutschland verlangte von Chile die Auslieferung des NS-Täters; im Dezember 1962 wurde Rauff verhaftet. Nach einem fünf Monate dauernden Prozess lehnte Chiles Oberster Gerichtshof eine Auslieferung ab, weil die im Ausland begangenen Verbrechen in Chile verjährt seien. Rauffs Freilassung sei in den an diesem Fall wenig interessierten inländischen Medien kaum berichtet worden, schreibt Guzmán. Nur die kommunistische Zeitung „El Siglo“ titelte: „Chile, ein Paradies für Nazis“.
Rauff, der schon vor der Verhaftung fern von Santiago in Punta Arenas im äußersten Süden des Landes gelebt hatte, zog sich noch weiter in die Isolation zurück. In Porvenir, einem Ort im chilenischen Teil von Feuerland (Tierra del Fuego), arbeitete er für eine Fabrik, die Königskrabbenfleisch in Konservendosen verpackte. (Vom BND hieß es, dass man damals die Zusammenarbeit mit Rauff eingestellt habe.)
1972, zwei Jahre nach der Wahl Salvador Allendes, forderte der Nazijäger Simon Wiesenthal den Präsidenten brieflich auf, Rauff nach Westdeutschland auszuliefern. Allende lehnte mit der Begründung ab, er habe keine Möglichkeit, die Entscheidung des chilenischen Höchstgerichts zu revidieren. Erfolglos gingen auch spätere Vorstöße Wiesenthals aus, die sich nach 1973 an Putschgeneral Pinochet richteten. Zur Verstärkung des Drucks wandte sich der Nazijäger aus Wien auch an die US-Regierung von Ronald Reagan, die das Pinochet-Regime unterstützte. Die Antwort aus Chile blieb negativ.
Im Jänner 1984 tauchte die Nazijägerin Beate Klarsfeld vor dem Präsidentenpalast in Santiago auf, forderte lautstark Rauffs Auslieferung – und wurde prompt festgenommen. Bald danach, am 14. Mai 1984, kam die Meldung vom Tod des 77-Jährigen (angeblich starb Rauff an Lungenkrebs), auch wenn das nicht alle glaubten. Vertreter der jüdischen Gemeinde Chiles verlangten vergeblich, den Leichnam inspizieren zu dürfen. Kurz darauf erfolgte auf Santiagos Zentralfriedhof die Bestattung.
Was Guzmán nicht schreibt, was aber auf einem Youtube-Video zu sehen ist: Gegen Ende der Trauerfeier tauchten vor dem offenen Grab Männer in langen Ledermänteln auf und schrien „Heil Hitler“ und „Sieg Heil“ https://www.youtube.com/watch?v=ngp6NQtVUtw. Lange Zeit hielt sich das Gerücht, hier hätten deutsche NS-Veteranen demonstriert, laut offiziellen Berichten soll es sich aber um eine Gruppe um den chilenischen Neonazi Miguel Serrano gehandelt haben.
Gerüchteumwoben blieben Rauffs Aktivitäten in Chile bis zum Schluss. Bis heute noch immer wichtig und aktuell ist die Frage, ob der deutsche SS-Mann Pinochets Geheimdienst mit aufgebaut, Folterstätten und ein regelrechtes KZ geplant und selbst politische Häftlinge gequält habe. Wäre das zu beweisen, so bedeutete das eine üble Kontinuität zwischen dem Nazi- und dem Pinochet-Regime.
Gustavo Guzmán schreibt, dass das CIA-Büro in Santiago (das Pinochet bekanntlich unterstützte) solche Verdächtigungen „nachdrücklich zurückgewiesen“ habe. Auch der Historiker selbst hält eine Zusammenarbeit der Militärs mit Rauff für unwahrscheinlich, weil dies für „die Versuche der Junta schädlich gewesen wäre“, sich öffentlich und gegenüber Washington „vom Rechtsextremismus zu distanzieren“. Als Beweis wird hier das Bemühen Pinochets um ein gutes Verhältnis zur jüdischen Gemeinde genannt. Tatsächlich hatte ein großer Teil dieser Community die linke Allende-Regierung abgelehnt. Das hinderte das Pinochet-Regime aber nicht daran, jüdische Aktivist:innen in der KP und anderen Linksparteien grausam zu verfolgen. Nach langen internen Debatten wurde 2013 auf dem jüdischen Friedhof in Santiago ein Denkmal für 17 Opfer des rechten Staatsterrors aufgestellt.
Terroristische Akte beging Pinochets Geheimdienst, die „Dirección Nacional de Inteligencia“ (DINA), auch im Ausland. Sogar mitten im Botschafterviertel der US-Hauptstadt Washington jagte er 1976 mit einer Bombe einen Chevrolet in die Luft und riss Exil-Politiker Orlando Letelier, der ein wichtiger Minister Allendes gewesen war, samt einer Assistentin in den Tod. Die Empörung in den USA war groß, Ermittlungen ergaben eine Verwicklung der DINA. Deren Chef Manuel Contreras wurde abserviert, aber nicht zu hart angefasst, um zu verhindern, dass er Pinochet als Auftraggeber oder Mitwisser nannte.
Dieser Manuel Contreras, Geheimdienstoffizier wie Rauff, war es, dem nach dem Putsch von 1973 eine enge Kollaboration mit dem deutschen Nazi nachgesagt wurde.
Guzmán ackerte die einschlägige Literatur in mehreren Richtungen durch. Als erstes ging es um die Behauptung, Rauff habe ein Konzentrationslager auf der Insel Dawson geplant, unweit von Porvenir, wo Allende-Minister wie Letelier monatelang eingekerkert wurden. (Unter den Gefangenen war auch der damals 21-jährige linke Aktivist Osvaldo Puccio gemeinsam mit seinem Vater Luis Puccio, dem persönlichen Sekretär Allendes. Später wurde der jüngere Puccio einer der ersten Botschafter des wieder demokratischen Chile in Österreich, wo er über die sieben Monate Haft und Folter auf Dawson berichtete.)
Als zweites ging Guzmán der Frage nach, ob Walther Rauff selbst an Verhören und Folter beteiligt war. Unter den Folterzentren, die landesweit eingerichtet wurden, stach eines hervor: Die „Colonia Dignidad“, eine fundamental-christliche und antikommunistische Landkommune deutscher Siedler, 340 Kilometer südlich von Santiago. Diktatorisch geführt wurde sie vom Sektengründer Paul Schäfer, einem Sexualverbrecher, der junge Buben der „Colonia“ reihenweise missbrauchte. Dokumentiert ist, dass Contreras in der Siedlung war, deren Kartoffelkeller als Folterstätte für Regimegegner diente. Außerdem soll sie ein Umschlagplatz für Waffen und ein Treffpunkt für alte Nazis gewesen sein, darunter auch Walther Rauff.
Nach seinen eigenen Maßstäben war das Ergebnis der Nachforschungen Guzmáns durchwegs negativ. Der „Mantel des Schweigens“ über Rauffs Jahre in Chile sei so dicht gewoben, dass es für die Anschuldigungen keine Beweise gebe. Die zahlreichen Zeugen für Rauffs Verbrechen entpuppten sich bei näherem Hinsehen als Menschen, die etwas von anderen, selbst nicht als Augenzeugen auftretenden, gehört hätten. Was für Guzmán nicht bedeutet, dass es keine Beweise gibt. Der Historiker regte an, in Archiven – auch der chilenischen Regierung und in Israel – weiterzuforschen sowie Rauffs Spuren an den verschiedenen Schauplätzen in Chile nachzugehen.
Philippe Sands auf den Spuren von Walther Rauff
Als Guzmán diesen Buchbeitrag 2024 veröffentlichte, war ein anderer Autor seit Jahren dabei, genau dies zu tun: Philippe Sands, britischer Menschenrechtsanwalt mit Erfahrung am internationalen Strafgerichtshof und Verfasser mehrerer Sachbuch-Bestseller. Sein heuer erschienenes Werk, ein mehr als 600 Seiten starker Wälzer, trägt den TiteL „Die Verschwundenen von Londres 38. Über Pinochet in England und einen Nazi in Patagonien.“ Mit diesem Nazi ist Walther Rauff gemeint, an dessen Spuren sich Sands heftete.

Der Autor flicht zwei Erzählstränge zu einer Art Doppelporträt: Der eine schildert, wie der nicht Spanisch sprechende Sands gemeinsam mit Recherche-Assistent:innen Chile bereist und Dokumente durchforstet. In der Art eines aktivistischen Untersuchungsrichters befragt er – oft mehrmals – Überlebende der Folter und reuige ehemalige Folterer sowie Anwälte und Richter, um Rauffs Geheimnisse zu enthüllen.
Im Vordergrund steht zunächst aber die Verhaftung Pinochets 1998 in London und sein eineinhalb Jahre dauernder Hausarrest, ehe ihm im Jahr 2000 die britische Regierung wegen „Geistesschwäche“ gnadenhalber die Heimreise erlaubte. (Er starb 2006, ohne jemals verurteilt worden zu sein.) Angestrengt hatte das präzedenzlose Auslieferungsverfahren der spanische Untersuchungsrichter Baltasar Garzón, der Pinochet Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Mord und Folter – auch an spanischen Bürger:innen – vorwarf.
Bis dahin galten frühere Staatschefs (auch solche, die wie Pinochet gewaltsam die Macht ergriffen hatten) als immun vor strafrechtlicher Verfolgung. Seit dem „Fall Pinochet“ sind sie es nicht mehr. Minutiös zeichnet Sands die Verhandlungsstrategien und Argumente der Ankläger und Verteidiger Pinochets nach, die in zwei Instanzen des britischen Höchstgerichts zur Aberkennung von Pinochets Immunität wegen seiner Verbrechen gegen die Menschenrechte führte. Ín Chiles Fernsehen wurden die britischen Höchstrichter deswegen persönlich attackiert – von Evelyn Matthei, die damals die sofortige Freilassung des Expräsidenten forderte und die heuer selbst für die Präsidentschaft kandidiert.
Bei der Durchforstung von Pinochets Vorgeschichte arbeitet Sands ein bisher oft übersehenes Detail heraus: Als sich der vor der Strafverfolgung aus Europa geflohene Kriegsverbrecher Walther Rauff in Ecuador niedergelassen und einen Job in einer Mercedes-Werkstätte gefunden hatte, freundete er sich mit einem chilenischen Offizier an: mit Augusto Pinochet, der von 1956 bis 1959 Militärattaché in Quito war. Die Freundschaft mit dem Deutschen ging ungewöhnlich weit. Wohl auf Fürsprache Pinochets kamen Rauffs Söhne in elitären Ausbildungsstätten der chilenischen Streitkräfte unter, in denen sonst keine Ausländer zugelassen waren: Alfred in der Marineschule und Walther junior in der Akademie des Heeres. Wenig später übersiedelte auch der Vater nach Chile, wo er sich in Punta Arenas im äußersten Süden des Landes niederließ, offiziell für Fischfabriken arbeitete und im Geheimen den BND mit Informationen über Lateinamerikas Linke belieferte.
Nach der Enttarnung und Verhaftung 1962, die mit seinem Sieg vor dem Höchstgericht in Santiago endete, war es in Chile um Rauff wieder ruhig geworden. Er lebte in einer Villa in Santiago und auch im nahen San Antonio an der Pazifikküste. Wie schon Guzmán, so listete Philippe Sands Berichte über Rauffs angebliche Aktivitäten nach dem Putsch von 1973 auf. Es ging dabei wieder um den Aufbau des Gefangenenlagers Dawson, um die Zusammenarbeit mit Pinochets Geheimdienst DINA und um seine mögliche Rolle bei Folterungen in Verhörzentren in Santiago und in der „Colonia Dignidad“. Fünfzig Jahre nach dem Geschehen nahm Sands die Suche auf.
Seine Reise in den äußersten Süden Chiles endete enttäuschend. Niemand unter den Menschen, die sich in Punta Arenas und Porvenir an Rauff erinnerten, bezeugte eine direkte Verbindung zur Gefängnisinsel Dawson. Wohl aber traf Sands einen zuvor dort internierten Architekten, der heimlich Pläne des Camps mit seinen Baracken, Wachtürmen und der doppelten Stacheldrahtumzäunung gezeichnet hatte und sie später vor dem Menschenrechtskomitee der UNO in Genf präsentierte. Dies sei das erste Mal nach dem Zweiten Weltkrieg gewesen, dass ein Lager exakt nach dem Modell eines Nazi-KZ errichtet wurde, habe der Komitee-Vorsitzende erklärt.
Erfolgreicher war Sands bei der Suche nach Verbindungen Rauffs zur DINA. Nach zahlreichen Anläufen fand er einen Zeugen, der in dem Deutschen seinen Folterer wiedererkannte. Der Sozialist León Gómez war nach dem Putsch in ein Folterzentrum mitten in Santiago gebracht worden. Weil die Augenbinde nicht ganz dicht war, konnte er den schwarz-weiß gekachelten Fußboden in der Eingangshalle sehen. Es war seine frühere Parteizentrale in der Calle Londres, der London-Straße 38. Seiner Erinnerung nach sprach der Leiter der Folterungen mit starkem deutschem Akzent; kurz konnte er den elegant gekleideten Zivilisten auch sehen. Als ihm Sands Tonaufnahmen und Fotos von Walther Rauff vorlegte, erkannte ihn Gómez wieder.
Sands beeilt sich, festzustellen, dass Gómez mit dieser indirekten Art der Identifizierung durchaus schon dazu beigetragen habe, andere Folterer hinter Gitter zu bringen. Besonders spektakulär war der Fall von Miguel Krassnoff, einem hohen DINA-Mann, der nach Pinochets Fall vor Gericht gestellt und wegen schwerer Menschenrechtsverletzungen symbolisch zu einer mehr als 100-jährigen Haftstrafe verurteilt wurde. (Krassnoff wurde übrigens 1946 in Tirol geboren, wo sich seine aus Russland geflüchtete Mutter unterwegs nach Südamerika aufhielt.)
2017 verriet der rechte Politiker José Antonio Kast in einem TV-Interview, dass er Krassnoff mehrmals im Gefängnis Punta Peuco besucht habe und er dessen Begnadigung verlange. Jüngst kündigte Präsident Boric die Umwandlung des mit Tennis- und Grillplatz ausgestatteten Spezialgefängnisses für Dutzende betagte Täter der Pinochet-Zeit in eine normale Haftanstalt an. „Chiles Milei“ Kaiser versprach im gegenwärtigen Wahlkampf dagegen, als Präsident würde er Leute wie Krassnoff freilassen. Es gehe nicht an, dass „Achtzigjährige im Kerker verrotten“.
Verschwundene: Fischfabrik unter Verdacht
Im Fall von Rauff, der – wie Pinochet – nie verurteilt wurde, fand Sands die Spur zu noch größeren Verbrechen direkt vor der Tür von Londres 38. Vor dem Folterzentrum standen in der Zeit nach dem Putsch häufig Lieferwagen der Marke Chevrolet, die zu geschlossenen Kühlwagen umgebaut waren und die Aufschrift einer Fischfabrik an der Pazifikküste trugen.
Mit Unterstützung von Gómez und weiteren Mitgliedern der Opfer-Organisation von Londres 38, die auch Kontakte zu reuigen und aussagewilligen Folterern haben, rekonstruierte Sands eine schier unglaubliche Geschichte. Kühlwagen der „Pesquería Arauco” brachten politische Häftlinge nach San Antonio, dem Sitz der Fischfabrik, in deren Umgebung es mehrere Gefangenenlager gab. Doch viele der Überstellten sind verschwunden und nie wieder aufgetaucht.
Offenbar wurde die „Pesquería“ von der DINA und ihrem Chef Manuel Contreras nach dem Putsch als Tarnunternehmen geführt. Sands sprach mit Informanten wie Jorgelino Vergara, damals, noch als Teenager, eine Art Offiziersbursche von Contreras. Vergara bestätigte nicht nur persönliche Treffen seines Chefs mit Rauff in San Antonio. Er lieferte auch, zusammen mit den Aussagen anderer, Bausteine für eine Theorie, was mit den „verschwundenen“ politischen Gefangenen geschah.
Seit langem bekannt sind Berichte, wonach Pinochet Regimegegner von Helikoptern aus ins Meer werfen ließ. Die „Pesquería Arauco“ verfügte zudem über mehrere Fischkutter, die auf See Netze zum Fang von Merluza (Seehecht) auswarfen. Von diesen Kuttern aus sollen Leichen versenkt worden sein. Auf dem Gelände der Fabrik stand außerdem eine Anlage zur Herstellung von Fischmehl, das als Tierfutter verkauft wurde. Zu ihr gehören große Öfen, in die Fischreste, aber auch unabsichtlich ins Netz gegangene größere Tiere wie Delphine, Haie und Seelöwen gesteckt wurden. Sands kam ein grausiger Verdacht: Wurden in den Öfen der Pesquería, wo es laut der dort Arbeitenden viel Heimlichtuerei gab, mit Kühlwagen angelieferte Leichen politischer Häftlinge spurlos beseitigt?
Sands sprach darüber auch mit chilenischen Richtern und Anwälten, die in Gerichtsverfahren bereits mit Aussagen in diese Richtung zu tun hatten. Materielle Beweise fanden sich bisher nicht. Die Juristen hielten die Theorie aber für plausibel und hofften auf neue Untersuchungsergebnisse. 2023 startete die Linksregierung von Gabriel Boric einen „Nationalen Suchplan“ (Plan Nacional de Búsqueda), bei dem erstmals mit öffentlichen Mitteln das Schicksal der Verschwundenen geklärt werden soll.
Kommt es an Chiles Spitze heuer zu einem politischen Richtungswechsel, dann ist dieses Projekt allerdings gefährdet. Evelyn Matthei sagte in Interviews, beim „Plan de Búsqueda“ handle es sich um einen Rachefeldzug, er müsse reformiert werden. Und der „Ultra“ Johannes Kaiser bezeichnet den Plan überhaupt als „Schwindel“ der Linken, um Millionenbeträge zu lukrieren. In Wahrheit verfüge der „Rechtmedizinische Dienst“ des Staates (Servicio Médico Legal, SML) längst über tausende Protokolle zu den Verschwundenen und verwahre auch viele menschliche Überreste. Der SML wies diese Behauptungen postwendend als unwahr zurück.
Rauff und die „Colonia Dignidad“
Während Sands in San Antonio auf überraschende und erschreckende Erkenntnisse stieß, gestalteten sich seine Nachforschungen in der etliche Quadratkilometer großen „Colonia Dignidad“, vier Stunden Autofahrt südlich von Santiago, erheblich schwieriger. Die ehemalige Sektensiedlung, in der bis zu 300 Menschen, darunter Dutzende Kinder, eingesperrt waren und gequält wurden, heißt nun offiziell „Villa Baviera“ („Bayerndorf“). Es leben dort noch immer ehemalige Siedler und deren Nachfahren, die unter anderem ein Restaurant mit deutscher Küche betreiben. Sands wurde freundlich mit Gugelhupf bewirtet.
Auch führende deutsche Politiker tauchten im Lauf der Jahre in der Colonia auf und wurden mit Forderungen der Überlebenden der Schreckenszeit nach Aufklärung und Wiedergutmachung konfrontiert. Eine Beschwerde betraf den Supermarkt-König Horst Paulmann: Er sei bei ihnen ein- und ausgegangen und habe in seinen Geschäften von ihnen zum Teil in Zwangsarbeit hergestellte Produkte verkauft, ohne dass dies je Konsequenzen hatte.
Lange existierte ein Schweigekartell, das das mehrfache Geheimnis der Kolonie – den Kindesmissbrauch ihres diktatorischen Gründers und den Einsatz als Folterzentrum sowie als Umschlagplatz für Waffen – vertuschte. 1977 sagte bei einem Prozesse in Deutschland jemand aus, der selbst die Folter überlebt hatte: Erick Zott, der als Student im nahen Concepción der dort gegründeten „linksrevolutionären Bewegung“ MIR beigetreten war, die unter Pinochet besonders brutal verfolgt wurde. Philippe Sands nahm zu Zott Kontakt auf (und auch Gustavo Guzmán, der andere hier ausführlich referierte Autor, hat ihn erwähnt). Trotz zumeist verbundener Augen hatte Zott als Häftling den Ort erkannt, als man ihm Essensreste mit einer deutsch beschrifteten Kuchengabel gab.
Von einem Besuch Pinochets in der Colonia gibt es Filmaufnahmen und auch die mehrfache Anwesenheit des DINA-Chefs Contreras ist gesichert. Gerüchte über Verbindungen Walther Rauffs zum Sektenzentrum ließen sich von Sands aber auch an Ort und Stelle nicht erhärten. Es gab zwar Hinweise über die Anwesenheit anderer deutscher Nazis, doch im Fall Rauff kam Sands zu dem Schluss, dass er wohl nie in der „Colonia Dignidad“ gewesen war.

Erick Zott kam nach seinem Martyrium in Chile als Flüchtling nach Wien, wo ich ihn nun wieder traf. Bereits im Jahr 2005 hatte er mir in einem Interview geschildert, wie er mit Elektroschocks gefoltert wurde (Zitat: „Man hat den Strom durch die Genitalien geschickt, aber vor allem durch den Mund.“ Link zum Interview: https://www.derstandard.at/story/1987271/strom-in-den-mund-gejagt-erick-zott-interview?ref=article )
Dieses Mal fragte ich Zott nach seiner Einschätzung von Sands und dessen Erkenntnissen. Er bezweifle nicht, dass Rauff mit der DINA zu tun hatte, er nehme aber Sands‘ Verdikt zur „Colonia“ zur Kenntnis. Zott: „Wäre Rauff dort gewesen, hätte das längst irgendjemand bestätigt.“ Nach der Flucht des Sektenführers Paul Schäfer im Jahr 1996, sechs Jahre nach dem Ende der Diktatur, wären aus dem kleinen Kreis der Insider ja viele Informationen über die Kolonie und ihre Besucher gekommen.
Insgesamt habe Sands als international renommierter Autor für die bisher vernachlässigte Aufarbeitung der chilenischen Geschichte „eine Tür geöffnet“. Sein Buch beinhalte aber nur „das erster Kapitel“ der kompletten Geschichte, die „noch ein zweites und vielleicht auch noch ein drittes Kapitel“ benötige.
Zott, der sich seit Jahrzehnten mit der politischen Repression in Chile und ihren internationalen Weiterungen befasst, sieht vor allem auf diesem Gebiet noch viele Lücken. So sei Walther Rauff nicht irgendein BND-Agent gewesen. Er sollte im Auftrag des deutschen Nachrichtendienstes auch Informanten in Peru und Venezuela anwerben und plante Reisen nach Kuba (wo man ihn allerdings nicht hineinließ).
Pinochets Geheimdienst DINA habe mit dem BND so oft Kontakt gehabt, dass er dafür einen eigenen „Botschafter“ abstellte. Überhaupt sei die Rolle des BND in Chile und Lateinamerika viel größer gewesen, als bisher vermutet wurde.
Als Beispiel nennt Zott den früheren SS-Mann Gerhard Mertins (1919–1993), nach dem Zweiten Weltkrieg einer der wichtigsten Waffenhändler Deutschlands. Mertins, offizieller Gründer des „Freundeskreises der Colonia Dignidad“, wo er zeitweise auch wohnte, galt für Rechtsradikale als eine Art Kriegsheld. Als Mitglied eines von Otto Skorzeny geleiteten SS-Sonderkommandos war er dabei, als 1943 der in einem abgelegenen Hotel in den Abruzzen internierte italienische Faschistenführer Benito Mussolini befreit wurde.
Nach dem Krieg arbeitete Mertins für den CIA-Vorläufer CIC und ab dessen Gründung 1956 für den BND. Der sah zu, wie Mertins mit seiner in der Schweiz registrierten Firma „Merex“ zum internationalen, auch illegalen Geschäften nicht abgeneigten Waffenhändler mit geschäftlichen Schwerpunkten im Nahen Osten und in Lateinamerika aufstieg. 1975 schleuste er den DINA-Chef Contreras unter falschem Namen via Deutschland in den Iran, um dort Waffendeals anzubahnen.
In den 1980er Jahren verlegte Mertins seine Tätigkeit nach Mexiko. Dass er dort als Verdächtiger ins Zentrum einer Mordverschwörung geriet, illustriert für Erick Zott, dass es weiterhin aufklärungsbedürftige Aktivitäten von Ex-Nazis mit BND-Verbindungen gibt. Im Mai 1984 wurde in Mexiko der bekannte Investigativreporter Manuel Buendía ermordet. Kurz davor hatte Buendía in der Zeitung „Excelsior“ Mertins verdächtigt, von Mexiko aus illegal Waffen an die von den USA aufgebaute „Contra“ gegen die sandinistische Regierung Nicaraguas geliefert zu haben.
Es ist hier nicht der Platz, auch diesen Fall ausführlich darzustellen. Nur so viel: In Mexiko verlief die Strafverfolgung von Mertins im Sand. In Deutschland kam es 1988, mit dem damaligen Wissensstand, zumindest zu einer detaillierten parlamentarischen Anfrage der Grünen, die man hier nachlesen kann: https://dserver.bundestag.de/btd/11/027/1102721.pdf .
Zusammenfassend lässt sich sagen: Sowohl die Geschichte der gerade jetzt wieder Aufwind spürenden Ultrarechten in Chile, wie auch jene der internationalen Umtriebe von Nazi-Größen nach 1945 sind noch längst nicht auserzählt.








