Von Robert Lessmann
In Moll – oder „in gedämpften Tönen“ – lautet das Motto der 61. Kunstbiennale in Venedig. Das gilt diesmal sicherlich für die lateinamerikanischen Präsentationen dort. Ansonsten war die Eröffnung von schrillen Auseinandersetzungen um die Beteiligung Russlands und Israels überschattet, die vor dem Hintergrund des Kulturkampfes zwischen liberalen und progressiven Kulturschaffenden und der Regierung Meloni stattfanden. Mit Abstand das größte Echo findet der zweitschrillste Beitrag, der österreichische Pavillon „Seaworld Venice“ der Performancekünstlerin Florentina Holzinger.

Leicht zu übersehen, weil provisorisch in der Anmutung, hängt ein Hirsch „The Original Deer“ an einem Kran über einem Lastwagen am Eingang zu den Giardini, dem Herzstück der Biennale, wo sich das Haupthaus und die Länderpavillons befinden. Geschaffen hat ihn Zhanna Kadyrova, die 1981 geboren wurde, als ihre ukrainische Heimat noch eine Sowjetrepublik war. Im Jahr 2019 aus Teilen eines früheren, atomwaffenfähigen Kampfjets gefertigt, musste die Metallskulptur wegen der russischen Offensive auf Prokrowsk im August 2024 ins Exil gehen. Seither wanderte sie über 6.000 Kilometer durch verschiedene europäische Hauptstädte nach Venedig.
Ja, es hätte etwas werden können aus der Idee einer globalen Kunstschau in Moll, die statt schriller Töne zurückhaltenden Optimismus aussendet. „In Minor Keys“ sollte 110 bisher übersehenen Künstler:innen aus Afrika, Asien und den Amerikas gewidmet sein. Das war die Idee der Kuratorin Koyo Kouoh, die 1967 in Kamerun geboren wurde und die fast genau ein Jahr vor der Eröffnung der Biennale leider an einer Krebserkrankung verstarb. Herausgekommen ist letztlich eine Kakophonie, mitunter enttäuschend, aber dennoch nicht uninteressant.
Nicht nur, aber naturgemäß vor allem im Haupthaus ist die Handschrift von Koyo Kouoh zu erkennen, die 1994 als Mitherausgeberin der „Töchter Afrikas“, einer Anthologie weiblicher Exilliteratur (dt. im Unrast Verlag) hervorgetreten war. Viel Afrika ist dort zu sehen. Gleich im Eingangsbereich die Tonfiguren der Senegalesin Seni Awa Camara, Frauenfiguren, die andere Menschen in sich tragen – oder sind es Monster? Unter dem Titel „Anfang und Ende“ sind ferner hybride Geschöpfe aus Afrika zu sehen, daneben farbenfrohe Textilkunst aus Südafrika und Vietnam, „Fundsachen“ von Daniel Lind-Ramos aus Puerto Rico. Eindrucksvoll ist eine Serie von Holzschnitten mit fragenden Frauenaugen von Leonilda Gonzáles aus Uruguay.

© Robert Lessmann
Auch in den Arsenale gibt es viel Textilkunst, vielfach aus Afrika und oft riesenhaft. Vor allem aber beeindrucken dort die farbenkräftigen Bilder von Mmakgabo Mmapula Helen (Ma) Sebidi, die im Ausdruck an Werke von Otto Dix erinnern und alle in den turbulenten Jahren 1990/91 entstanden, als mit der Freilassung von Nelson Mandela das Ende des Apartheidregimes in Südafrika eingeläutet wurde.
Der brasilianische Pavillon in den Giardini – eine Zusammenarbeit zwischen dem Kulturministerium, der Fundação Bienal de São Paulo und Petrobras – gefällt, ähnlich wie Seni Awa Camara, mit „Entpuppungen“ (hier aber aus einem penisförmigen Kokon) und einer eindrucksvollen Betonmauer, aus der noch die Armierungseisen ragen, an denen wiederum Stofffetzen mit den Gesichtern von Sklavinnen hängen.
Wo ist der Kontext?
Kenner wissen, dass andine und amazonische Völker über Bilder und Muster kommunizier(t)en. Sara Flores will mit der peruanischen Präsentation solcher geometrischen und verwobenen Muster vom Ucayali-Fluss unterschiedliche, amazonische Sichtweisen oder Wahrnehmungen herausfordern, was ohne weitere Erläuterungen vielen Betrachtern auch bei langem Hingucken schwerfallen dürfte. Amazonien, Wasser, Wahrnehmungen und historische Rückblicke sind Themen, die in vielen Werken dieser Biennale wiederkehren. Insofern trifft Flores da eigentlich durchaus einen Nerv.
Was passiert, wenn man Werke aus ihrem Zusammenhang reißt, zeigen Stücke der kolumbianisch-koreanischen Künstlerin Gala Porras-Kim. Nichts. Heimatlos hängen ihre Federn an einer Wand in den Arsenale. Dagegen stellt der Zufall unverhoffte, politisch aufgeladene Paradoxien her, wenn der Besucher den Kontext in sich mitführt: Der Libanon stellt da mäßig aussagekräftige Bilder aus, während gleich gegenüber Slowenien unter dem Titel „Soundtrack for Invisible Houses“ Häuserruinen mit Vogelgezwitscher kombiniert, die gleichsam widerspiegeln, was eben gegenwärtig im Südlibanon, im Westjordanland und im Gazastreifen geschieht. Übrigens: Sowohl der israelische als auch der russische Pavillon in den Giardini waren nach den Protesten bei der Eröffnung zum Zeitpunkt meines Besuches geschlossen. Einen venezolanischen Pavillon gibt es derzeit auch nicht.
Hundertprozentig in Moll kommt diesmal der Pavillon der USA daher. Dahinter verbirgt sich aber ein durchaus bemerkenswerter Kulturkampf der Trump-Administration. Mit der Gestaltung wurde der weithin unbekannte Bildhauer und Autodidakt Alma Allen beauftragt, der in Tepotzlán, Mexiko lebt und arbeitet. Mit der Auswahl war direkt vom Außenministerium eine American Art Conservancy beauftragt worden. Die Rede ist von Personen aus dem Dunstkreis von Mar-a-Lago. Bisher war für die Bespielung des US-Pavillons stets das National Endowment for the Arts zuständig. Das Außenministerium sieht in den Werken Allens ein „Symbol für kollektiven Optimismus und Selbstverwirklichung“. Tatsächlich scheinen sich die amorphen Batzen aus Bronze, die vor und in dem Pavillon herumliegen, einer Aussage zu enthalten.

Dass es anders geht, zeigen die Präsentationen Ecuadors und Kubas. Der Platz in den Giardini und den Arsenale reicht schon lange nicht mehr aus, sodass immer mehr Präsentationen über Venedig verstreut in Ladengeschäften oder Palazzi zu sehen sind, wodurch man auch die Stadt besser kennenlernt. In der Castello Gallery an der Waterfront (Riva dei Sette Martiri) präsentiert das ecuadorianische Künstlerkollektiv Tawna y Oscar Hexenpuppen und lädt unter anderem mit Projektionen auf Tierhäuten zu amazonischen Wahrnehmungen aus der Welt der Indigenen ein. Von dort gleich die Via Giuseppe Garibaldi hinein befindet sich gegenüber des gleichnamigen Parks (nur einen Steinwurf von den Giardini entfernt) der kubanische „Pavillon“, der vom Afrokubaner Roberto Diago bespielt wird: „Hombres libres“. Müllskulpturen, gesichtslose Köpfe aus Holzscheiten, Blechdosen, Autoreifen zusammengestückelt, die irgendwo am Strand aufgelesen worden waren, erwarten die Besucher:innen, wie eine künstlerische Flaschenpost von der gebeutelten und mit einer Intervention bedrohten Karibikinsel. Und irgendwo dazwischen eine dezente Aufschrift „El sistema no nos quiere.“
Auch wenn der rote Faden verloren gegangen ist: Die Biennale in Venedig ist immer eine Reise wert und setzt der so jung verstorbenen Kuratorin Koyo Kouoh ein Denkmal.







