Kurswechsel oder Kollaps?
Von Robert Lessmann
Sighard Neckel: Katastrophenzeit. Die Gesellschaft im Klimawandel und die Fallstricke der Transformation
Beck, München, 2026, 256 Seiten, € 20.00
Katastrophensommer 2026. Die Welt, aber besonders Südamerika, steuert auf einen Rekord-El Niño zu. Während sich in den Alpen Murenabgänge häufen, warnen Landwirte vor Missernten. Es fehlt an Wasser. Die Binnenschifffahrt kommt zum Erliegen, Kraftwerke müssen abgeschaltet werden, Böden trocknen aus. Allerorten brennen Wälder: in Spanien, in Frankreich, in Griechenland sowieso. Zigtausende mussten rund um Bordeaux, einem Ballungsraum mit einer Dreiviertelmillion Einwohnern, evakuiert werden.
Während die Politik die Menschen weiterhin auffordert, Müll zu trennen und etwa beim Zähneputzen Wasser zu sparen, statt mutig gegenzusteuern (davor hat sie sich schon ein halbes Jahrhundert lang gedrückt), während sie noch dazu bei der Energiewende bremst und das „Aus vom Verbrenner-Aus“ propagiert, reagiert die Natur zunehmend unberechenbar. Zwischen dem ersten Klimagipfel 1995 und dem in Dubai (sic!) 2023 sind die Treibhausgasemissionen um 60 Prozent gestiegen (S. 112). Deutschland meldet im laufenden Jahr bereits 10.000 Hitzetote. Das sind mehr als dreimal so viele wie im jährlichen Durchschnitt bei Verkehrsunfällen sterben. Und ein Nachrichtenmoderator fragt, wie laut wohl der Aufschrei wäre, würde es sich nicht um einen stillen Tod handeln, der vor allem ältere und geschwächte Menschen trifft.

Die Reaktionen der Natur mögen unberechenbar sein, absehbar waren sie durchaus. Das gilt ebenso für die gesellschaftlichen Auswirkungen: Migration, Ressourcenkämpfe, kriegerische Auseinandersetzungen. Genau diesem Komplex widmet sich das Buch des emeritierten Soziologen Sighard Neckel. Eine zunehmende gesellschaftliche Polarisierung zeichne sich ab: Ausgreifenden Räumen der Armut stehen gesicherte Enklaven der Wohlhabenden gegenüber. Demokratien könnten autoritären Notstandsregimes weichen. Liegt die Zukunft der Vereinten Nationen im autoritären „disaster management“?
Neckel beleuchtet das Thema aus verschiedenen Perspektiven, diskutiert vorhandene Ansätze. Das erfordert beim Lesen eine gewisse Ausdauer, lohnt sich aber wegen des besonderen Gedanken- und Faktenreichtums. Die Renditenerwartung bei Erneuerbaren liege laut einer Studie der Universität Uppsala für Energiekonzerne mit 5-7 Prozent viel zu niedrig. Bei Öl und Gas beträgt sie 20 Prozent. (Wen wundert es da, wenn eine deutsche Wirtschaftsministerin – die zuvor in der Führung des Energiekonzerns EON tätig war – weiter fossile Geschäfte ankurbelt und bei Erneuerbaren bremst, weil der Markt es so wolle. R.L.) Die CO2-Bepreisung sei viel zu niedrig, konstatiert Neckel und nennt das Ergebnis von solcherlei Politik im Dienst möglichst ungehinderter Kapitalakkumulation „zerstörerischen Reichtum“ (Stichwort: „Wille zur Yacht“). „Am meisten befördern den Klimawandel die Wohlhabenden, Reichen und Superreichen, die aufgrund ihrer komfortablen Lebensführung zugleich am wenigsten unter seinen Auswirkungen leiden. (S. 116)“
„Wer heute die Bewahrung des Ökosystems gegen die Demokratie aufrechnet, wird am Ende bei der Rettung der Erde scheitern und zugleich die Demokratie verlieren“ (S. 171). Die Ausblicke sind nicht allzu optimistisch. Es bestehe durchaus die Gefahr eines Zusammenbruchs ohne Wiederkehr auf absehbare Zeit. Dabei würden diejenigen am meisten davon profitieren, die ihn herbeigeführt haben.
Auswege ohne staatliche Reglementierung wird es nicht geben. Die Stadt als Konfliktfeld zwischen den Milieus wird als realistischer Ansatzpunkt genannt. Schon in der Vergangenheit hat man durch kluge Eingriffe etwa Cholera-Epidemien in den Griff bekommen, habe zum Beispiel das „rote Wien“ in der Zwischenkriegszeit katastrophale Verhältnisse modellhaft überwunden, wie der Autor auf einer von Uli Brand organisierten Buchpräsentation am 21. April im NIG hervorhob. Die Geographin und Regionalforscherin Kerstin Krellenberg steuerte dabei eine Reihe von positiven Erfahrungen aus lateinamerikanischen Städten bei. Dieser Ansatz eines „Infrastruktursozialismus“ („grundlegende Infrastrukturen gehören in die öffentliche Hand“ S. 200) und die Orientierung an allgemeinem Wohlstand („das gute Leben“) ist dabei angesichts der Problemdimension ausbaufähig.








