Abseits von Krieg und Gewalt

Von Christina Buczko


 Fabian Scheidler: Friedenstüchtig. Wie wir aufhören können, unsere Feinde selbst zu schaffen.

Promedia Verlag, Wien 2025, 224 Seiten, Print: € 20,00/ E-Book: € 14,99

Wir leben in einer Welt des Umbruchs. Diesen Umbruch charakterisiert Fabian Scheidler als Zusammenspiel dreier ineinandergreifender Prozesse: ein geopolitischer Übergang und ein Ende der alten westlichen Hegemonie, der innere Zerfall der ökonomischen, politischen und weltanschaulichen Grundlagen der westlichen Gesellschaften sowie die massive Gefährdung unseres Planeten (S. 12). Und wir befinden uns aktuell in einem permanent über uns hereinbrechenden Krieg(szustand). Militarisierung und Aufrüstung sind wieder en vogue. Dieser Befund bildet den Ausgangspunkt für sein neuestes Buch.

Anhand von vier Beispielen aus der jüngeren Vergangenheit – dem ab 2001 stattfindenden „Krieg gegen den Terror“, dem Krieg in der Ukraine, dem Gaza-Krieg sowie der ebenfalls wiederholt zum Krieg erklärten globalen Covid 19-Epidemie – beschreibt der Autor sehr anschaulich, wie es Usus wurde, Krisen aller Art nur noch autoritär und militärisch zu lösen, und wie genau dieser Weg verlässlich zu einer steten Eskalation und damit Verschärfung oder Verschlimmerung des jeweiligen Problems beitrug bzw. -trägt. Und das betrifft sowohl die einzelnen Konfliktherde als auch unsere Gesellschaft insgesamt. Denn die Rüstungsindustrie ist der umweltschädlichste aller Wirtschaftssektoren und Aufrüstung das Gegenmodell zu einer sozial-ökologischen Transformation.

Doch äußere Feinde waren für Machthabende schon immer ein gutes Mittel zur Ablenkung von inneren politischen Krisen. Und dass wir, zumindest in westlichen Demokratien, uns aktuell in einer solchen befinden, ist für die meisten Menschen sehr deutlich spürbar. Die von Fabian Scheidler beschriebene „Logik des Krieges“ – so auch der Titel des ersten Teils seines Buchs – wird von der Tagespolitik, unter anderem den von den USA aktuell durchgeführten und angedrohten Interventionen in verschiedenen Teilen der Erde, gerade sehr anschaulich bestätigt.

Der Autor analysiert anhand seiner vier Fallbeispiele sechs grundlegende Gemeinsamkeiten. Diese umfassen erstens das Ausblenden alternativer Handlungsmöglichkeiten, abseits von Krieg und Gewalt. Zweitens dominieren Schwarz-Weiß-Logik und Lagerbildung – „Wir“ und „die anderen“, wahlweise Putin-Versteher, Antisemiten oder Corona-Leugner. Als dritten Aspekt nennt der Autor eine dämonisierende Überhöhung des jeweiligen Feindes auf sprachlicher Ebene, wie beispielsweise wiederkehrende Hitler- und Nazi-Vergleiche des jeweiligen Feindes. Die vierte Gemeinsamkeit bildet eine systematische Ausblendung der Vorgeschichte und damit der tieferliegenden Ursachen des jeweiligen Konflikts oder der jeweiligen Auseinandersetzung. „Wer absolut böse ist, hat keine Geschichte. Er war immer so. Und selbst wenn er eine Geschichte hat, zählt sie nicht […]. (S. 23). Besonders offenkundig wurde dies im Fall des Gaza-Kriegs. In diesem Fall analysiert der Autor auch den fragwürdigen Umgang mit Menschenrechten und eine Verschiebung grundlegender ethischer Werte. Sein fünfter Punkt ist das allgemeine Einschwören auf einen Opferkult, der neben Menschenleben auch die Aufgabe sozialer Errungenschaften wie des Sozialstaats einschließt. Diese Entwicklung können wir in den mitteleuropäischen Wohlfahrtsstaaten gerade live mitverfolgen. Und als sechste und letzte Gemeinsamkeit bezeichnet er die Aufgabe des Realitätsprinzips, womit er eine Art narzisstische Überhöhung der eigenen Position meint.

Scheidler präsentiert einige Beispiele für die Verengung des Meinungskorridors in den letzten Jahren. Was sich daraus unter anderem ableitet, ist ein Überhandnehmen vereinfachter Deutungen und sich zum Teil extrem zuspitzender „Schwarz-Weiß“-Deutungen, sowohl in öffentlichen als auch privaten Diskussionen. Der Autor konstatiert: „Wir erleben eine regelrechte Kampagne gegen Differenzierung und komplexes Denken. Wer es wagt, von dem Hollywood-Schema eines absolut Guten und absolut Bösen abzuweichen, wird rasch verdächtigt, in Wahrheit Parteigänger des Feindes zu sein.“ (S. 110) Diese Entwicklung sollte uns allen sehr zu denken geben.

Leider ein wenig zu kurz kommt in Scheidlers neuem Buch eine Verbindung mit seinen vorangegangenen kritischen Arbeiten zur kapitalistischen Wirtschaftsordnung. An einigen Stellen stellt er einen Zusammenhang zwischen der aktuell propagierten Aufrüstung sowie der Abkehr von einer aktiven Friedenspolitik und unserem Wirtschaftssystem her, dies jedoch leider nur sehr kurz. Zwar benennt er die Überwindung unserer Wirtschaftsordnung und die Verhinderung von großen Kriegen als die beiden zentralen Herausforderungen der Menschheit im 21. Jahrhundert (S. 102), widerspricht sich jedoch sogar ein wenig, indem er an anderer Stelle, mit Blick auf China, in dessen jahrhundertelanger Tradition des Handels (als Gegenmodell zu kolonialistischer Expansion) eine Chance zur Kriegsvermeidung sieht (S. 166). Eine tiefergehende Analyse zu dieser Frage hätte das Buch deutlich bereichert und das Verständnis, insbesondere für neue und jüngere Leser:innen diesbezüglich erleichtert.

Dennoch bleibt als Fazit: Scheidler Buch „Friedenstüchtig“ bietet einen gut recherchierten, kompakten und leicht lesbaren Überblick über die Hintergründe zum aktuellen Zeitgeschehen und ist ein wichtiges Buch zur richtigen Zeit!

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