Tango hitlerista oder: Ein Einfallstor für Kriegsverbrecher

Von Erhard Stackl


Linda Erker, Raanan Rein (Hg): Nazis and Nazi Sympathizers in Latin America after 1945, Brill-Verlag, Leiden (NL) 2024, 294 Seiten, 137,50 Euro

Nazis, die nach 1945 in Südamerika untertauchten, sind schon lange im Fokus ernsthafter Historikerinnen und Historiker. Gleichzeitig waren sie aber auch Stars in der Gruselabteilung der Boulevardmedien und der Unterhaltungsindustrie – und manchmal geraten beide Strömungen durcheinander. Schon Anfang der 1970er Jahre festigte Frederick Forsyth, heuer verstorbener britischer Autor millionenfach verkaufter Bestseller, mit der „Akte Odessa“ den Mythos der titelgebenden „Organisation der ehemaligen SS-Angehörigen“. Dieses geheime Netzwerk soll Kriegsverbrechern zur Flucht verholfen, ihnen eine neue Identität verschafft und sie finanziell abgesichert haben. Die tatsächliche Existenz dieser Organisation wurde aber nie bewiesen.

Schon bald nach Kriegsende hefteten sich Journalisten deutscher Illustrierter wie „Stern“ oder „Quick“, die damals ein riesiges Publikum hatten, auf angebliche Spuren von Nazi-Größen in Südamerika. Ihr Favorit war Martin Bormann, ein enger Vertrauter Adolf Hitlers, der dessen Büro in der Reichskanzlei geleitet hatte. Unter den Journalisten, die nach ihm suchten, war auch Gerd Heidemann, der später dem „Stern“ die gefälschten Hitler-Tagebücher andrehte. (Auch Hitler selbst wurde von phantasiebegabten Autoren, die an das Weiterleben des „Führers“ glaubten, in Südamerika vermutet.) In Argentinien gab es immer wieder Sichtungen Bormanns, bis dann im Jahr 1972 bei Bauarbeiten nahe dem ehemaligen Führerbunker in Berlin ein Skelett auftauchte, das mit gerichtsmedizinischen Methoden als Martin Bormann identifiziert wurde.

In den ersten beiden Jahrzehnten nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs konzentrierten sich Simon Wiesenthal in Wien, Beate und Serge Klarsfeld aus Paris und weitere Persönlichkeiten darauf, die größten Kriegsverbrecher ausfindig zu machen. Für Geheimdienstprofis galten einige von ihnen zwar als „Nazi-Hunter“, aber nur selten als „Nazi-Catcher“.

1960 wurde der Holocaust-Organisator Adolf Eichmann vom Mossad in Buenos Aires entdeckt und nach Jerusalem entführt, wo man ihm den im Todesurteil mündenden Prozess machte. Er wurde 1962 hingerichtet. Klaus Barbie, der „Schlächter von Lyon“, in den 1970ern von den Klarsfelds in Bolivien entdeckt, wurde 1983 an Frankreich ausgeliefert und dort zu lebenslanger Haft verurteilt. Er starb 1991. Josef Mengele, der Folter-Arzt von Auschwitz, wurde nie gefasst. Nach Aufenthalten in Argentinien und Paraguay flüchtete er weiter nach Brasilien, wo er 1979 in einem Kurort in der Nähe von São Paulo bei einem Badeunfall ertrank.

In jüngster Vergangenheit konzentrierte sich das öffentliche Interesse auf die „Rattenlinien“, die Fluchtrouten von etwa 300 höheren Nazis aus Deutschland und Österreich, die, meist über Italien und mit Hilfe von Vatikan-Insidern, in vielen Fällen nach Südamerika führten. Wegen der Involvierung kirchlicher Stellen ist dieser Fluchtweg auch als „Klosterroute“ bekannt. Der Vergleich mit den unbeliebten Nagetieren stammt angeblich von US-Geheimdienstlern, die damit auf feige und heimlich das sinkende Schiff verlassende Ratten anspielten. Das ist insofern merkwürdig, weil US-Dienste im beginnenden Kalten Krieg durchaus selbst auf Informationen von enttarnten NS-Geheimnisträgern aus waren und dann wegschauten, wenn steckbrieflich gesuchte SS-Verbrecher nach Übersee flohen.

Nachzulesen ist das in zahlreichen Publikationen, die zum Thema „Ratlines“ erschienen sind. So manches, das zur Flucht der Nazis veröffentlich wurde, ist dem Genre der „Kolportage“ zuzurechnen, wo Gerüchte schnell zu Fakten uminterpretiert werden. Kein Wunder: Geheimdienste dementieren selten und ihre Akten bleiben jahrzehntelang oder für immer unter Verschluss. Inzwischen sind aber auch Erinnerungen persönlich Betroffener aufgetaucht; demokratisch gesonnene Nachkommen geben in den Nachlass von Nazi-Vorfahren Einblick. Regierungen öffnen Aktenschränke. Kurzum: Auch noch sieben Jahrzehnte nach dem Geschehen lassen sich nun bisher weiße Stellen mit Inhalt füllen. Gemäß dem Spruch: „Das Vergangene ist niemals tot. Es ist nicht einmal vergangen.“  (Zitat William Faulkners; es wird auch Christa Wolff zugeschrieben.)

Zu den Fragen, wie es den in Lateinamerika Untergetauchten ergangen ist, wer ihnen dort geholfen hat und welche Auswirkungen ihre Anwesenheit auf die betroffenen Gesellschaften hatte, fand im Frühjahr 2022 im Wiener Wiesenthal Institut für Holocaust-Studien ein international besetzter wissenschaftlicher Workshop statt. Darauf basierend ist nun ein knapp 300 Seiten umfassendes Buch in englischer Sprache erschienen, das ich im Folgenden darstelle und kommentiere.

Argentinien zu Unrecht in Verruf

Das Buch „Nazis and Nazi Sympathizers in Latin America after 1945“ startet mit Argentinien und da überraschenderweise mit der Dekonstruktion eines langlebigen Mythos: Das Land sei keineswegs ein Paradies für Nazi-Verbrecher gewesen und habe auch keine neonazistische Regierung gehabt, versichert Co-Herausgeber Raanan Rein. Es seien die USA gewesen, die den Ruf Argentiniens nachhaltig beschädigten. Ihr Groll hatte 1945 zwei wesentliche Gründe: Zum einen blieb Argentinien bis kurz vor Kriegsende neutral, obwohl die USA nach ihrem eigenen Kriegseintritt 1941 auf Gefolgschaft drängten. Historiker Rein betont aber, dass die Briten froh waren, massenhaft Fleisch und Getreide aus Argentinien beziehen zu können, weil Schiffe aus dem neutralen Land nicht von deutschen U-Booten versenkt wurden.

Zum anderen versuchten die USA den Aufstieg des Populisten Juan Domingo Perón zu sabotieren, der sich nicht dem kontinentalen Machtmonopol Washingtons unterordnen, sondern eine nationale Industrie und ein starkes eigenes Militär aufbauen wollte. Wie auch bei späteren Interventionen in Lateinamerika und der Karibik versuchten die USA zu verhindern, dass eine eigenständige, zumeist linke Alternative zur US-Vormacht Erfolg haben und in der Region Nachahmer finden könnte.

1945 beschwor Washington eine Gefahr von ganz rechts. Vor den argentinischen Präsidentschaftswahlen im Februar 1946 brachte das US-Außenministerium das „Blue Book“ heraus, das Argentiniens militärischer Elite und speziell General Perón starke Sympathien für die Nazis sowie die geheime Planung eines neonazistischen „Vierten Reichs“ in Lateinamerika vorwarf. Vertreten wurde diese These in Argentinien selbst vom US-Botschafter Spruille Braden, der Perón damit unfreiwillig einen großen Gefallen machte. In den Monaten vor der Präsidentenwahl 1946 wurde der US-Diplomat propagandistisch zum Erzfeind aufgebaut. „Braden oder Perón“ hieß es auf tausenden Plakaten, die den argentinischen Offizier auf einer Welle des Patriotismus mit 52 Prozent der Stimmen an die Staatsspitze hob. (Kopiert wurde diese Methode Jahrzehnte später vom ungarischen Rechtspopulisten Viktor Orbán, der den aus Ungarn stammenden US-Spekulanten und Philanthropen George Soros als Hassfigur darstellte.)

Buchautor Rein betont, dass die Vorwürfe gegen Argentinien und Perón auch inhaltlich zumindest in Teilen falsch, jedenfalls aber stark übertrieben wären. Es sei zwar richtig, dass nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs „zu viele Kriegsverbrecher, Kollaborateure und Nazi-Sympathisanten“ nach Argentinien gekommen seien, aber das treffe auch auf andere Länder zu. Und was die Anwerbung von Wissenschaftlern und Technik-Experten aus Nazi-Deutschland angehe, so hätten sich ja auch andere Staaten dieser Personalreserve bedient. (Es fallen einem dazu natürlich gleich Wernher von Braun ein, SS-Sturmbannführer, deutscher und dann amerikanischer Raketenpionier, oder dessen weniger bekannter Mitarbeiter Helmut Gröttrup, der später am sowjetischen Raketenprogramm arbeitete.)

Als Beispiel für Argentinien, das damals nahe der Stadt Bariloche auch ein eigenes Atomprogramm verfolgte, nennt das Buch Kurt Tank, einen Nazi-„Wehrwirtschaftsführer“ und Flugzeugkonstrukteur. Tank war nach 1945 für die Entwicklung des weltweit ersten Düsenjägers abseits der militärischen Großmächte verantwortlich, der in Argentinien Pulqui II hieß (Pulqui bedeutet in der Sprache der indigenen Mapuche „Pfeil“).

Argentinien habe aber keineswegs die Nazi-Ideologie übernommen oder gar ein „Viertes Reich“ in Lateinamerika angestrebt, heißt es im Buch. Im Bemühen, diese hartnäckige Verschwörungstheorie zu entkräften, geht Professor Rein erstaunlich weit. Es sei falsch anzunehmen, dass Perón notwendigerweise zum Faschisten geworden sei, bloß weil er 1939 vom argentinischen Kriegsministerium beauftragt wurde „in den italienischen Alpen den Gebirgskampf zu studieren“.  Nun ist Raanan Rein zweifellos ein ausgewiesener Experte und sogar Mitglied der argentinischen Historiker-Akademie. Dennoch müssen an dieser zentralen Aussage des Buches Zweifel erlaubt sein.

Als Quelle möchte ich Luis Alberto Romero zitieren, ebenfalls Mitglied der „Academia Nacional de la Historia de la República Argentina“ und u.a. Autor des Standardwerks „Kurze argentinische Zeitgeschichte“ (Breve Historia Contemporánea de la Argentina, Neuausgabe 2014). Darin schreibt Romero (in meiner Übersetzung): „Laut Peróns Konzeption sollte der Staat neben der Lenkung der Wirtschaft und der Schaffung von Sicherheit für die Bevölkerung auch jener Bereich sein, wo die verschiedenen, schon davor organisierten gesellschaftlichen Interessen, ihre Konflikte aushandeln und lösen. Diese Linie (…) war von damals verbreiteten Modellen inspiriert, die sowohl auf Mussolini als auch auf den Mexikaner Lázaro Cárdenas zurückgehen, und brach mit der Vorstellung des liberalen Staates.“

An anderer Stelle heißt es bei Romero über Perón: „Ein Europa-Aufenthalt in den Jahren vor dem Krieg ließ ihn die Errungenschaften des italienischen faschistischen Regimes bewundern …“ (Man könnte hinzufügen, dass Mussolinis Korporatismus nicht nur vom austrofaschistischen „Ständestaat“ kopiert wurde, sondern auch im Spanien unter dem Diktator Franco, wo Perón dann fast zwanzig Jahre im Exil war.)

Das macht den argentinischen Caudillo nicht zum Nazi, aber doch zu einer politisch schillernden historischen Figur. Zuzustimmen ist Professor Rein jedenfalls, wenn er darlegt, dass die weiterhin behauptete Nähe zu Nationalsozialisten von den Gegnern des Peronismus stammt (der nach Peróns Sturz 1955 bis 1973 verboten und auch unter der Militärdiktatur 1976 bis 1983 stark eingeschränkt war). Das gilt bis in die jüngste Zeit. Argentiniens libertärer Präsident Javier Milei, ein erklärter Peronistenhasser, ordnete heuer die Freigabe von tausenden Regierungsdokumenten über die Nazis an, die nach 1945 ins Land kamen.  Darunter finden sich unter der Aktennummer 7-3772 an die 400 Seiten über Josef Mengele, samt den Fingerabdrücken des früheren KZ-Arztes, der 1949 mit dem falschen Namen Helmut Gregor in Argentinien einreiste.

Das gesamte Konvolut der freigegebenen Dokumente wurde von der argentinischen Regierung online gestellt und kann unter diesem Link konsultiert werden: https://www.argentina.gob.ar/interior/archivo-general-de-la-nacion/documentacion-sobre-el-nazismo

Dass die Sammlung gleich mit einem Ordner über Martin Bormann (wenn auch irrtümlich als „Bornmann“ beschriftet) beginnt, löste auf der Internet-Gerüchtebörse sofort neue Spekulationen darüber aus, ob Hitlers Kanzleileiter doch die Flucht nach Argentinien geschafft haben könnte. Tatsächlich zeigen die Archivstücke – darunter Zeitungsausschnitte sowie hand- und maschinschriftliche Eintragungen – nur, dass nach Bormann intensiv gesucht wurde.

Verschwörungstheoretiker fantasierten aber sofort von einer publizistischen „Bombe“. Auf der nächsten Stufe des Aberwitzes durften auch neuerliche Spekulationen nicht fehlen, dass Adolf Hitler vielleicht doch in einem „Berghof“ in Bariloche überwintert habe, einem patagonischen Ferienort im alpinen Stil, in dem tatsächlich einige Nazis unterschlüpften.

Bleibt zum Thema Perón und die Nazis noch eine Bemerkung über die Story vom „Vierten Reich“, das in Argentinien angeblich aufgebaut werden sollte. José Palomo Fuentes, ein chilenischer Karikaturist, der nach dem Pinochet-Putsch 1973 ins mexikanische Exil ging, stellte dort die Idee auf den Kopf. Mit der Comic-Serie „El Cuarto Reich” nahm er die damals in Lateinamerika grassierenden Militärregimes aufs Korn. Palomos Comic Strip, der jahrelang in Zeitungen etlicher Länder, zum Teil in Untergrundpublikationen, veröffentlicht wurde, gab die gefürchteten Uniformträger als unbeholfen-primitive Brutalos dem befreienden Lachen preis.

Schillernde Figuren aus Österreich

In den Jahren nach 1945 nahm die von den USA aus befeuerte Verschwörungstheorie vom „Vierten Reich“ ein groteskes Ausmaß an, die jede Satire übertraf. Als Schlüsselperson und „Gefahr Nummer eins für den Frieden in Amerika“ wurde in US-Medien Fritz Mandl (1900–1977) bezeichnet, der „Patronenkönig“ aus Österreich. Die Historikern Ursula Prutsch, auch aus Beiträgen in „Lateinamerika anders“ bekannt, versucht zu enträtseln, wie der reichste Österreicher der Zwischenkriegszeit und begeisterte Austrofaschist, im Dritten Reich aber als Jude verfolgt, plötzlich als angeblicher Nazi dastehen konnte. 

Die Erklärung: Mandl, Ex-Mann der Hollywood-Diva Hedy Lamarr, war eine derart schillernde Persönlichkeit, dass sich in seine Motive alles Mögliche hineininterpretieren ließ. Als Munitions- und Waffenhändler förderte er die austrofaschistische „Heimwehr“, machte mit Mussolini Geschäfte, belieferte im Spanischen Bürgerkrieg aber auch die Republikaner. Aus Europa geflüchtet, baute er in Argentinien zunächst eine Fahrradfabrik auf, hegte aber die Absicht, sie in eine Waffenproduktion zu umzuwandeln. Obwohl er Perón finanziell unterstützte, erwiderte dieser die Zuneigung nicht. Der argentinische Populist wollte eine nationale Rüstungsindustrie aufbauen, ohne den Einfluss eigensinniger Ausländer. Vorübergehend warf er Mandl sogar ins Gefängnis, seine Fabrik wurde verstaatlicht.

Ursula Prutsch kann über Mandls Geschäfte in Argentinien mit neuen Details aufwarten, weil ihr die Nachfahren Mandls, vor allem die fünf Kinder, den Familiennachlass zur Nutzung überließen. (Prutsch hat ihn für ein eigenes Buch, die Biografie „Wer war Fritz Mandl“, ausgewertet.)

Über eine spät erschlossene Quelle verfügte auch Linda Erker, die zweite Herausgeberin des hier besprochenen Buchs. In ihrem Fall geht es um einen jener Nazi-Wissenschaftler, denen in Argentinien ein Neustart gelang: Armin Dadieu (1901 bis 1978), Chemiker, hoher SS-Mann und führender steirischer NS-Funktionär. Weil Dadieus Nachlass einem Archiv des Zeitgeschichte-Instituts der Uni Wien überlassen wurde, konnte Erker die ihrer Ansicht nach „typische Biografie“ eines nationalsozialistischen Wissenschaftlers genau nachzeichnen.

Hier die Kurzform: 1901 in der „Untersteiermark“ (heute Slowenien) geboren, studierte Armin Dadieu in Graz Chemie, engagierte sich bei deutsch-völkischen Turnern und trat bereits 1932 in die NSDAP ein. Nach deren Verbot spionierte er die Standorte von Mineralvorkommen in Österreich aus und leitete sie heimlich an das Nazi-Wirtschaftsministerium in Berlin weiter. Gleichzeitig machte er als Wissenschaftler Karriere und erhielt in Graz gleich zwei Universitätsprofessuren. Nach dem Anschluss war er als „Gauhauptmann“ und SS-Oberführer politisch die Nummer zwei in der Steiermark. 1945 verschwand er vor den herannahenden Alliierten für drei Jahre im Untergrund, um 1948 über die „Rattenlinie“ durch Italien mit Hilfe katholischer Geistlicher und eines gefälschten Passes vom Roten Kreuz nach Argentinien abzudampfen.

In Buenos Aires wartete ein Netzwerk von Deutsch-Argentiniern (die insgesamt eine Viertelmillion Menschen zählten) auf zehntausende „volksdeutsche“ Neuankömmlinge, von denen nicht alle Nazis und schon gar nicht Kriegsverbrecher waren. Perón ging es vorrangig um das Expertenwissen der Europäer, doch manche der Aufgenommenen waren, wie Erker schreibt, auch Nazis ohne besondere Expertise.

Armin Dadieu war ein hervorragender Experte und er stand auf der Liste gesuchter Kriegsverbrecher. Dennoch übernahm er rasch wichtige Funktionen, etwa bei der Erforschung von Raketentreibstoffen und bei der Munitionsentwicklung. Vor seiner Rückkehr nach Europa 1957 evaluierte er für die argentinische Regierung noch Möglichkeiten der Industrialisierung und schlug u.a. die Errichtung eines Aluminiumwerkes vor. (Elf Jahre später wurde im patagonischen Puerto Madryn mit dem Bau des Aluar-Werkes begonnen, heute eine der größten Aluminiumfabriken Lateinamerikas.)

Nach Europa (konkret: in ein Stuttgarter Institut für Raketenforschung) konnte Dadieu zurückkehren, weil Österreichs Parlament 1957 zur „innenpolitischen Befriedung“ eine Generalamnestie für NS-Belastete beschlossen hatte. Österreichs Botschaft in Buenos Aires wusste, wie Erker schreibt, spätestens 1953 von Dadieus Anwesenheit, weil sich seine Ehefrau im Konsulat ein Dokument offiziell bestätigen ließ. Auslieferungsantrag stellte Österreich keinen.

Und als der Wissenschaftler die letzten Jahre vor seinem Tod in Graz verbrachte, war er ein hoch geehrter Mann. 1972 erfuhr Simon Wiesenthal, dass Dadieu von der österreichischen Gesellschaft für Weltraumforschung als Ehrenmitglied geführt werde. Wiesenthal informierte Herbert Steiner, den damaligen Chef des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstands (DÖW), über den respektvollen Umgang mit einem „Totengräber der österreichischen Republik“. Steiners Anfrage an die Leiter des Weltraum-Instituts wurde von diesen – samt der Antwort – umgehend an Dadieu selbst weitergeleitet, wie Autorin Erker nun herausfand. Der Verein sei „vollkommen apolitisch“ und der Kritisierte ein „hervorragender Wissenschaftler“, hieß es darin. Erker schreibt: Über „Dadieus intensive Verstrickung mit dem Nazi-Regime“ oder seine Anwesenheit   auf der Kriegsverbrecherliste verloren sie „kein Wort“.

Diplomaten mit braunem Hintergrund

Dass das Wegschauen der österreichischen Botschaft kein Einzelfall war, zeigt ein Buchbeitrag von Christian Cwik zum Überleben von (Ex-)Nazis in der Diplomatie nach 1945. Historiker Cwik – auch er ist ein „Lateinamerika anders“-Autor – weist darauf hin, dass viele dieser Akteure in der NS-Zeit noch keine 40 Jahre alt waren und ein langes Berufsleben vor sich hatten. Laut Cwik ergibt sich für die Zeit von 1950 bis 1980 das „verheerende Bild“, dass bis zu 80 Prozent der deutschen und bis zu 50 Prozent der österreichischen Botschafter in Lateinamerika zuvor NSDAP-Mitglieder gewesen waren, davon die Hälfte zugleich bei verbrecherischen Organisationen wie SA und SS. (Nicht alle standen dazu. Der Österreicher Kurt Waldheim, der mit US-Unterstützung später UNO-Generalsekretär wurde, behauptete stets, er habe keine Ahnung, wie sein Name auf eine SA-Mitgliederliste gekommen sei.)

Cwik zeichnet die Karrieren etlicher früherer Nazis im diplomatischen Dienst der BRD und Österreichs nach. Mit Friedel Trappen, der an den DDR-Botschaften in Kuba und Chile wirkte, kam ihm zumindest ein ostdeutscher Diplomat mit Nazi-Vergangenheit unter.

In Ländern Südamerikas mit deutschstämmigen Bevölkerungsanteilen kamen diese Emissäre in ein passendes Umfeld. Schon vor dem Krieg hatte die Auslandsorganisation (AO) der NSDAP dort an die 7000 Mitglieder rekrutiert; in manchen deutschsprachigen Siedlungen in Argentinien, Südchile oder Paraguay blieben NS-Strukturen samt Hitler-Jugend sogar noch einige Jahre nach 1945 aufrecht.

Cwik berichtet von einem Besuch in Hohenau im Südosten von Paraguay im Jahr 2008, bei dem ihm Dorfbewohner stolz von der Nazivergangenheit ihrer Vorfahren erzählten. Eckart Briest, Ex-Nazi und in den sechziger Jahren deutscher Botschafter in Paraguay, pflegte beste Kontakte zum Langzeit-Diktator General Alfredo Stroessner, so wie viele seiner Kollegen freundlichen Umgang mit südamerikanischen Militärs hatten. Kein Wunder, dass KZ-Arzt Josef Mengele, aus dem argentinischen Bariloche kommend, mehrmals unbehelligt nach Hohenau gereist sein soll. Und noch weniger überrascht, dass die Nazi-Jäger von solchen Diplomaten keine Unterstützung zu erwarten hatten.

Österreich griff beim Aufbau seines diplomatischen Dienstes in Südamerika nach dem Krieg zunächst auf ehemalige Austrofaschisten zurück, übergab die wichtigste Botschaft der Region in Rio de Janeiro 1952 dann aber einem ehemaligen NSDAP-Mitglied.

Nicht erwähnt wird bei Cwik ein österreichischer Diplomat, der auf den ersten Blick als positives Gegenbeispiel gelten könnte: Anton Retschek, schon seit 1925 In Brasilien im Einsatz und von 1933 bis 1938 Botschafter in der damaligen Hauptstadt Rio de Janeiro, der die Vertretungen in Uruguay, Argentinien und Chile mitbetreute. Nach dem „Anschluss“, so die offizielle Version, habe sich Retschek als Aktivist für die (hauptsächlich von Linken getragene) Bewegung „Austria Libre“ und das „Komitee zum Schutz der österreichischen Interessen in Brasilien“ (Comitê de Proteção dos Interesses Austríacos no Brasil) als Patriot verdient gemacht. Von 1947 bis 1949 war er dann wieder Botschafter in Rio für Brasilien und weitere südamerikanische Staaten.

Die Historikern Ursula Prutsch stieß bei Recherchen für ein weiteres ihrer Bücher (die gemeinsam mit Klaus Zeyringer verfasste Biografie eines österreichischen Schriftstellers und Nazi-Gegners im brasilianischen Exil, betitelt „Die Welten des Paul Frischauer“) auf mögliche dunkle Flecken: Laut US-Geheimdienstberichten habe Anton Retschek bei Hitlers Farce einer Volksabstimmung vom 10. April 1938 für den Anschluss Österreichs an Nazideutschland gestimmt. Er sei gesehen worden, wie er an dem Votum an Bord eines eigens dafür an der brasilianischen Küste ankernden deutschen Schiffes teilgenommen habe.

Journalisten als Spione

In die Welt der Spionage, speziell jener für Westdeutschland, führt der Beitrag von Holger M. Medling. Der deutsche Lateinamerika-Spezialist war Mitglied der Historikerkommission zur Erforschung der Geschichte des Bundesnachrichtendienstes zwischen 1945 und 1968. Vor der Veröffentlichung der Ergebnisse 2021 wurde der Bericht der Kommission vom BND allerdings in Teilen geschwärzt.

Allgemein bekannt ist, dass der westdeutsche Nachrichtendienst in den 1950er Jahren einige nach Lateinamerika geflüchtete Kriegsverbrecher für Informationen bezahlte. Medling weist darauf hin, dass Spionagetätigkeit an sich illegal und geheim ist. Dass es sich natürlich ergab, mit untergetauchten Nazis zu kooperieren, lag wohl aber auch daran, dass es im deutschen Nachrichtendienst eine personelle Kontinuität zur Kriegszeit gab. Militärisch relevante Informationen und Angaben über die politische Linke lieferte etwa der frühere Gestapo-Chef von Lyon, Klaus Barbie, der unter dem Namen Klaus Altmann in Bolivien lebte. Walther Rauff, im Krieg in den Massenmord an Juden verwickelt, versuchte – mit mäßigem Erfolg – auf Kuba, in Venezuela und später in Chile ein Informantennetz aufzubauen. Rupert Mandl, der im Krieg beim SS-Sicherheitsdienst am Balkan die Bevölkerung terrorisiert hatte, kam für den BND in Mexiko zum Einsatz. Als in Österreich gegen diesen – nicht mit dem „Patronenkönig“ verwandten – Mandl ein Prozess wegen der Ermordung von Zivilisten vorbereitet wurde, habe der BND den Kontakt abgebrochen.

Nach Eichmanns Entführung trennte sich der deutsche Geheimdienst offiziell von Kriegsverbrechern unter den Mitarbeitern in Lateinamerika. (Mit Barbie, Deckname „Adler“, ging die Zusammenarbeit laut Medling bis 1967 weiter.)

Nachfolger wurden vor allem unter Journalisten gesucht, zu deren Star der 1912 in La Paz geborene Wilfred von Oven aufstieg. Er besuchte ab1936 die Reichspresseschule und wurde im Krieg Pressechef von Propagandaminister Joseph Goebbels.

Nach dem Krieg mit Unterstützung des deutschen Magazins „Der Spiegel“ nach Argentinien übersiedelt, schrieb er dort auch für die in Buenos Aires erscheinende „Freie Presse“, mit einer Auflage von 30.000 Exemplaren damals die größte deutschsprachige Publikation in Übersee. Von Oven bediente die „germanophilen“ Argentinier und hielt beste Kontakte zur deutschen Botschaft. Er verschwieg seine Vergangenheit keineswegs, sondern publizierte ein zweibändiges Werk, betitelt „Mit Goebbels bis zum Ende“. Im argentinischen Kongress wurde freilich über die „propaganda hitlerista“ in seiner Zeitung diskutiert.

Das hielt den „Spiegel“ nicht davon ab, von Oven als Südamerika-Korrespondenten massiv einzusetzen. (Allerdings war in der Frühzeit des „Spiegel“ dessen Auslandsressort so stark von Nachrichtendienstlern der Wehrmacht durchsetzt, dass es halb im Spaß „Fremde Heere Ost“ genannt wurde.)

Was man beim „Spiegel“ und bei der „Frankfurter Allgemeinen“, für die er später schrieb, angeblich nicht wusste: Wilfred von Oven, der auch Kontakt zu Neonazi-Gruppen in Deutschland hatte, war ein emsiger Mitarbeiter des BND, laut Medling sogar der bestbezahlte. Von Oven starb 2008 in Buenos Aires. Erst 2013 teilte das Hamburger Nachrichtenmagazin in einer dürren Meldung mit, dass der BND eingestanden habe, von Oven und drei weitere bekannte Journalisten als Spione rekrutiert zu haben.

Holger Medling kommt in seinen Schlussfolgerungen auf einen Aspekt zu sprechen, der im Nachkriegsdeutschland für Nachrichtendienste und Medien ebenso galt wie für große Unternehmen (Siemens und Bayer kooperierten mit Ex-Nazis; Adolf Eichmann kam unter dem Namen Ricardo Klement bei Mercedes Argentinien unter). Eine stramm „antikommunistische Haltung“ sei als „Garant für die Vertrauenswürdigkeit“ gesehen worden.

Unterschlupf in Chile

Für das Nachwort des Buchs, auf dessen Cover der als Eichmann enttarnte „Klement“ zu sehen ist,  konnte ein weltweit renommierter Autor gewonnen werden: Philippe Sands, Menschenrechtsanwalt und Professor für Internationales Recht in London. Seine Bücher „Die Rattenlinie“ und „Rückkehr nach Lemberg“ waren Bestseller. Den vorliegenden Band nennt Sands „herausragend“; er trage „wesentlich zur Erweiterung unseres Wissens und Verständnisses“ bei. Es gäbe darin allerdings auch viele Ansätze für „weitere Nachforschungen“.

Sands erwähnt dabei, dass er selbst an einem Buch über die NS-Verwicklungen Chiles in der Nachkriegszeit arbeite. Mittlerweile ist dieses Werk erschienen, auf Deutsch trägt es den Titel „Die Verschwundenen von Londres 38 – Über Pinochet in England und einen Nazi in Patagonien“. Bei diesem Nazi handelt es sich um den Kriegsverbrecher Walther Rauff (1906–1984), der maßgeblich an der Konstruktion von speziellen LKW, den sogenannten „Gaswagen“, beteiligt war, in denen Juden und andere KZ-Insassen mit Abgasen ermordet wurden.

Diesem Massenmörder, der 1958 in Chile Unterschlupf fand, ist auch im hier besprochenen Buch ein Kapitel gewidmet. Zu Rauffs Rolle in Pinochets Folterstaat gibt es allerdings nur Aussagen indirekter Zeugen „vom Hörensagen“, also Gerüchte. Sollten noch Akten des chilenischen Geheimdienstes DINA vorhanden sein, so sind sie unter Verschluss.

Erzählungen von Zeitzeugen werden von Historiker:innen, die sich in erster Linie auf schriftliche Dokumente stützen, als „oral history“ meist distanziert behandelt. Sie gelten eher als subjektive Stimmungsbilder, denn als Faktenquelle.

Anders Philippe Sands: Der auch am Internationalen Gerichtshof tätige Anwalt und seine ortskundigen Recherche-Assistent:innen fanden in Chile direkt involvierte Zeugen und befragen sie über längere Zeiträume wie bei einem gerichtlichen Kreuzverhör, bis neue Erkenntnisse herauskamen.

Das finde ich so spannend, dass ich Rauffs Verwicklungen mit Militärs und naziähnlichen Gruppen in Chile, angereichert mit Aussagen eines in Österreich lebenden früheren politischen Gefangenen Pinochets, in einem weiteren Text beschreiben will. 

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