Die Anmaßung des Großen Bruders

Von Robert Lessmann


Tobias Lambert: Zurück in den Hinterhof. Die USA und Lateinamerika

Mandelbaum Verlag, Wien, 2026, 167 Seiten, € 21

„Anfang 2026 bombardierten die USA Venezuela und entführten Staatschef Nicolás Maduro. Dessen Nachfolgerin Delcy Rodríguez kooperiert seitdem eng mit der US-Regierung unter Donald Trump. Doch es geht nicht nur um Venezuela und seine Rohstoffe. Als Imperium mit schwindender Hegemonie wollen die USA die gesamte Region in die klassische Hinterhofrolle zurückdrängen. Der Lateinamerika-Experte Tobias Lambert analysiert die aktuelle Neuausrichtung der US-Politik gegenüber den südlichen Nachbarländern und ordnet sie historisch ein. Er liefert einen kompakten Überblick, der sowohl das große Ganze als auch relevante Details im Blick behält.“

Der Werbetext des Verlags zum Buch ist so präzise, dass dem eigentlich nichts hinzuzufügen ist. Venezuela steht im Mittelpunkt der Darstellung des Venezuela-Experten („Gescheiterte Utopie?“, Mandelbaum, 2024), und die ist insofern brandaktuell. Selbst das Erdbeben vom 24. Juni 2026 wird noch erörtert – und zwar alles ausgewogen, kenntnis- und detailreich.

Das bringt es freilich mit sich, dass sich zwei Drittel des Buches auf die Vorgeschichte der Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und Lateinamerika beziehen. Das macht aber nichts, im Gegenteil, weil deutlich wird, dass sich die aktuelle US-Politik in der Westlichen Hemisphäre (wie es im Jargon Washingtons heißt) davon gar nicht so sehr unterscheidet. Hegemonialpolitik gab es durchaus auch unter demokratischen Präsidenten. „Ein Unterschied zu früheren Völkerrechtsbrüchen besteht darin, dass die US-Regierung heute nicht einmal mehr versucht, Interventionen mit hehren Zielen wie Demokratie und Menschenrechten zu begründen“ (S.10), schreibt Lambert: Rückkehr zu einem US-Imperialismus pur, wie ihn auch die National Security Strategy vom Dezember 2025 ganz unverblümt ankündigt.

Dabei unterscheidet Lambert in einer kleinen Geschichte des US-Expansionismus in der Region zwischen einer imperialen Phase, einer antikommunistischen Phase, einer neoliberalen Phase bis hin zum Schlingerkurs unter Obama. Er vergisst dabei nicht, auch auf die Kehrseite des Zwangs hinzuweisen. Auch die Attraktivität des „american way of life“ trug zur Akzeptanz der US-Hegemonie bei. Dass die Trump-Administration nur auf Zwang setzt, könnte ihr auf die Füße fallen.

Lambert hat insofern ein kompaktes kleines Handbuch zum Thema vorgelegt. Kaufen und lesen!

PS: Nach Erscheinen des Buches und Fertigstellung dieser Rezension verkündete Donald Trump am 28. August den „größten Öldeal der Weltgeschichte“. Die Ölreserven der Vereinigten Staaten würden durch die Kontrolle über 20 Prozent der venezolanischen Ölreserven verdoppelt. Die Regierung in Caracas bestätigte das Abkommen, doch wie bei allen Ankündigungen des größten Präsidenten und „dealmakers“ aller Zeiten wird man auf die Umsetzung gespannt sein. Möglicherweise handelt es sich um ein mediales Strohfeuer des Friedenspräsidenten vor den mid-term-Wahlen nach dem Desaster, das er im Nahen Osten rund um die Straße von Hormuz angerichtet hat. Jedenfalls bleibt zu hoffen, dass Tobias Lambert bereits an einer Fortschreibung der Geschichte arbeitet.