Von Jürgen Schübelin
Es ist der größte Exodus in der Geschichte Lateinamerikas: 9,1 Millionen Menschen haben Venezuela seit 2013 verlassen – ein Viertel der Bevölkerung, 30 Prozent von ihnen Kinder. Die Fluchtgründe: der ökonomische und soziale Absturz des einst wohlhabendsten Landes des Subkontinents ins Bodenlose, extreme Armut, keine Möglichkeit, an Medikamente und ärztliche Behandlung zu kommen, brutale Repression für Gegner der autoritären Regierung, Terror durch mit dem Regime verbündete kriminelle Banden – aber vor allem die Angst um die Sicherheit der eigenen Kinder.
Mehr als 1,7 Millionen Menschen flohen nach Peru, über eine halbe Million nach Brasilien, ähnlich viele nach Ecuador und Chile. In allen vier Ländern reagierten Organisationen aus der Zivilgesellschaft mit engagierten Unterstützungsprojekten für die aus Venezuela geflüchtete Kinder und ihre Familien. Über den Kampf um ein Stück Würde und Sicherheit, die emotionale Ausnahmesituation nach der Maduro-Entführung durch die US-Delta Forces Anfang des Jahres, aber auch das Entsetzen und den Schmerz angesichts der Erdbebenkatastrophe vom 24. Juni mit tausenden Toten sprachen wir mit venezolanischen Kindern und ihren Müttern in vier Ländern.
An diesen 3. Jänner 2026 erinnert sich Yudith Villaroel, als ob es gestern gewesen wäre: „Als sich im Lauf des Vormittags die Nachrichten überschlugen und feststand, dass US-Militärs Luftwaffenstützpunkte in Venezuela angegriffen, Präsident Nicolás Maduro und seine Frau Cilia Flores gefangengenommen und in die USA entführt hatten, gab es hier im Haus kein Halten mehr“, berichtet die 50-Jährige. In dem völlig heruntergekommenen zweigeschossigen Gebäude mit seiner kaputten Treppe in der Coronel Agustín López de Alcázar-Straße im Santiagoer Stadtteil Independencia wohnt in jedem Raum eine venezolanische Familie. Alle bezahlen sie unfassbar hohe Wuchermieten. „Wir fingen an, unsere Sachen an Nachbarn zu verschenken und verkündeten euphorisch, dass wir jetzt endlich nach Hause zurückkehren würden.“ Ihre Tochter Angela (13), die sich beim Kindernothilfe-Österreich-Partner Colectivo Sin Fronteras engagiert, fügt hinzu: „Und wir haben überlegt, wie wir Chaira, meinen kleinen Hund, mitnehmen könnten.“ Aber es gab an diesem Tag nicht nur Jubel. Ihrer Mutter Yudith ist es ganz wichtig klarzustellen: „Uns war bewusst, dass Trumps Soldaten über 80 Menschen getötet hatten, um Maduro zu fassen.“

Die Ernüchterung folgte nach den ersten Telefonaten mit der Familie in Venezuela: „Wir erfuhren, dass die Repression gegen alle, die das Regime nicht unterstützen, genauso weitergeht wie vor dem 3. Jänner und sich an den Mondpreisen für Essen und Medikamente nichts geändert hat, während die Löhne so niedrig wie vorher blieben,“ erinnert sich Yudith an die nächtlichen Video-Calls. „Alle sagten uns: ‚Wartet noch! Bleibt in Chile! Vielleicht wird es ja doch noch besser‘. Also entschieden wir uns, die Idee von der Rückkehr aufzuschieben.“ Und dann kam das verheerende Erdbeben vom 24. Juni. Familie Villaroel selbst hat zum Glück keine Angehörigen verloren. Die Verwandten leben ausreichend weit vom Epizentrum des Bebens entfernt. Trotzdem steht für Yudith fest: „Diese Katastrophe hat Venezuela nur noch tiefer in den Abgrund gerissen. Jetzt ist die Lage noch verzweifelter.“
3800 Kilometer nordöstlich, in Quito, kämpft Darlis Rodríguez (42), die es mit ihren beiden Kindern Angel (16) und Jaziel (3) auf dem Landweg von Maracay im Norden Venezuelas bis in die ecuadorianische Hauptstadt geschafft hat, mit den Tränen: „Das Erdbeben mit seinen Tausenden Toten und Zehntausenden Obdachlosen zeigte, wie dieses Regime versagt, wenn es darum geht, etwas für die Menschen zu tun. Außer für ihre Pfründe und ihr eigenes politisches Überleben interessieren sich diese Leute für nichts und niemanden!“ Ihr Sohn Angel, der sich noch gut an die Zeit vor der Flucht erinnert und die Nachrichten aus Venezuela intensiv mitverfolgt, unterstützt seine Mutter: „Vom kurzen Hoffnungsmoment im Jänner, nach Maracay zurückkehren zu können, ist nichts übrig geblieben. Trump hat bloß zwei Figuren entfernt, aber ansonsten sind alle, die für Unterdrückung, Korruption und jetzt das Versagen nach dem Erdbeben vom 24. Juni Verantwortung tragen, weiter am Ruder.“

Sehr aufmerksam registrieren Familie Rodríguez und andere Geflüchtete, wie im Gegensatz dazu die Behörden und Institutionen im Valle de Cauca im Westen des Nachbarlands Kolumbien, wo ebenfalls sehr viele venezolanische Flüchtlinge leben, nach der dortigen Erdbebenkatastrophe am 10. August durchaus in der Lage waren, sehr schnell und engagiert gemeinsam mit den Nachbarn vor Ort Rettungsmaßnahmen zu organisieren. Und das trotz aller erratischen Entscheidungen des neuen, rechtsextremen kolumbianischen Präsidenten de la Espriella, nur handverlesene internationale Katastrophenhilfsorganisationen ins Land zu lassen.
Angesichts all dieser Kritik am Regime von Interimspräsidentin Delcy Rodríguez beeindruckt, wie die venezolanische Exil-Community in Quito und anderen ecuadorianischen Städten trotz der eigenen prekären Lebensbedingungen auf die dramatischen Nachrichten und Bilder aus der Heimat reagierte und was sie in diesen Wochen seit dem 24. Juni an Sachspenden und Hilfsgütern zusammentragen und mit Unterstützung von Freiwilligen in das Katastrophengebiet um die am stärksten betroffene Hafenstadt La Guaira schaffen konnte: „Unsere Kampagne für die durch das Beben obdachlos gewordenen Landsleute hilft auch uns“, sagt Darlis, „diesen entsetzlichen Schmerz etwas besser aushalten zu können.“
Egleth Noda (39), Chirurgin, begleitet und unterstützt, seit sie als Gegnerin des Maduro-Regimes nach Ecuador fliehen musste, venezolanische Kinder und Jugendliche, die – oft nur zusammen mit einem Eltern- oder Großelternteil – in Quito gestrandet sind. In der von ihr zusammen mit anderen Exil-Venezolanern gegründeten und von der Kindernothilfe geförderten Organisation Chamos Venezolanos ist sie ständig mit extremen Trauma-Erfahrungen konfrontiert, die mit Flucht und dem Versuch des Ankommens verbunden sind: „In den Medien kommt leider kaum vor, dass es ganz oft Mütter und Großmütter sind, die aus Angst, dass ihre Kinder und Enkel von den ‚Milicias‘, den bewaffneten Banden, die mit dem Regime kooperieren, zwangsrekrutiert werden, alles daransetzen, um die Kinder aus dem Land zu holen.“ Ankommen und Überleben in Ecuador, das sich selbst in einer schweren wirtschaftlichen Krise befindet, ist dann aber, sagt die Ärztin, einfach brutal: „Was die Geflüchteten erleben, sind Situationen wie aus einem Horrorfilm!“ Sehr schnell bekommen sie vermittelt, dass sie nicht willkommen sind, und begreifen, wie kräftezehrend der tägliche Kampf ist, um für sich und ihre Kinder etwas zu essen und ein Dach über dem Kopf zu finden. „Neu angekommene Flüchtlinge, vor allem junge Frauen, laufen“, erklärt Egleth Noda, „große Gefahr, Opfer von Menschenhändlern und Zwangsprostitution zu werden.“

Und woran weder Trumps Operation Absolute Resolve zur Entführung von Maduro noch die Erdbebenkatastrophe vom 24. Juni etwas geändert haben, ist die offene Ablehnung, mit der es Kinder zu tun bekommen, wenn es ihre Eltern oder Organisationen wie Chamos Venezolanos schaffen, einen Platz in einer Schule für sie zu erkämpfen. Angel erinnert sich noch ganz genau, was für ein Spießrutenlauf das am Anfang für ihn und andere aus Venezuela geflüchtete Kinder war: „Das ging mit Mobbing auf dem Schulhof los oder damit, grundlos verprügelt zu werden, während die Lehrer wegschauten.“ Für den 16-Jährigen steht fest: „Sie verachten uns, weil wir Fremde sind – und sie hassen uns, weil wir aus Venezuela kommen“.
Woran das liegt, erklärt Isaac Ruiz (71), erfahrener Sozialarbeiter und verantwortlich für die Projektplanung beim langjährigen Kindernothilfe-Partner CESIP im peruanischen Lima: „In allen Ländern in der Region heizen rechtspopulistische und rechtsextreme Parteien die Stimmung gegen Migranten und Geflüchtete an und gewinnen mit Xenophobie und Rassismus eine Wahl nach der anderen. Im Fall der Schutzsuchenden aus Venezuela ist es die demagogisch-populistische Verknüpfung des Themas Migration mit dem der organisierten Kriminalität und den Verbrechen des berüchtigten Tren de Aragua-Syndikats.“ Dieses Kartell aus Venezuela ist seit Jahren in fast allen Ländern Lateinamerikas präsent und einer der wichtigsten Akteure bei Menschenhandel, Entführungen, Erpressung, Auftragsmorden, Drogen- und illegalen Waffengeschäften. Dabei, fügt Ruiz hinzu, „sind ganz viele der Familien, die hier in den Nachbarländern Schutz suchen, gerade eben wegen des Terrors dieser Kriminellen aus Venezuela geflohen!“

Wie demütigend diese Ablehnung für die betroffenen Kinder ist, schildert die zwölfjährige Venecia, die mit ihrer Mutter Marianela (41) bereits vor neun Jahren nach Quito kam. In ihrem Fall verließ die Familie Venezuela, weil es nicht mehr gelang, dringend benötigte Medikamente für die Behandlung einer chronischen Erkrankung zu beschaffen. Was Venecia in der Schule erlebte, hat sie nie vergessen: „Der Lehrer verlangte, dass alle Kinder im Klassenzimmer, die aus Venezuela kamen, aufstehen, verteilte an jeden von uns einen Sticker, zwang uns, ihn anzukleben und sagte ‚Morgen bringt ihr ein gültiges Visum mit, oder ihr braucht gar nicht wiederzukommen.“ Heute weiß das Mädchen, dass dieser Auftritt krasses Unrecht war. Chamos Venezolanos hat inzwischen 80 Strafanzeigen gegen Lehrer wegen rassistischem Verhalten gestellt oder auch wegen Korruption in öffentlichen Schulen: „Dabei geht es darum“, erklärt Egleth Noda das Problem, „dass Schulleitungen Eltern zwingen, bei ganz bestimmten Schneiderinnen, von denen sie dann Kommissionen erhalten, drei Schuluniformen pro Kind anfertigen zu lassen.“ Das ist natürlich für eine Mutter, die versucht, durch den Verkauf von Süßigkeiten an einer Ampel mit ihren Kindern über die Runden zu kommen, außerhalb jeder Reichweite.

Mit einer zusätzlichen Herausforderung hat ein weiterer Kindernothilfe-Partner, Cáritas Brasileira, der seit Jahren in Boa Vista, der Hauptstadt des nördlichsten brasilianischen Bundesstaats Roraima, sowie direkt an der Grenze zu Venezuela, in Pacaraima, mit Geflüchteten aus dem Nachbarland arbeitet, zu kämpfen. Zwar gibt es in Brasilien, im Gegensatz zu Ecuador, Peru oder Chile, durchaus politische Vorgaben, die sich an der UN-Flüchtlings- und Menschenrechts-Konvention orientieren, „aber“, erklärt Indi Gouvela (30) vom Caritas-Sekretariat für Migration und Flüchtlingsschutz, „das ändert leider nichts daran, dass viele der Geflüchteten, darunter besonders oft Mütter mit ihren Kindern, gezwungen sind, auf der Straße zu leben und durch Betteln über die Runden zu kommen.“ Durch die Sprachbarriere – vom Spanischen zum brasilianischen Portugiesisch – aber auch, weil ein hoher Anteil der Schutzsuchenden indigenen Völkern wie den Yanomami oder Pemón angehört, die in Venezuela unter dem Maduro-Regime massiv ausgegrenzt oder durch illegalen Bergbau von ihrem Land vertrieben werden und kaum über Möglichkeiten zu einen Schulbesuch verfügen, „haben es diese Flüchtlinge“, so die Cáritas-Expertin, „im Vergleich zu Menschen mit einer Berufsausbildung ungleich schwerer, hier Fuß zu fassen“. Und, fügt sie hinzu, „sie werden besonders leicht Beute von Kriminellen, als Opfer von sexuellem Missbrauch und brutaler Arbeitsausbeutung.“
„Operação Abrigo“ (Ein-Dach-über-dem-Kopf-geben) nennt sich deshalb das Caritas-Programm, um vor allem geflüchtete Mütter mit ihren Kindern von der Straße zu bekommen, ihnen zu helfen, mit anderen Frauen zusammen ihre Lebensmittel zuzubereiten, Kunsthandwerk zum Verkaufen herzustellen und die Kinder darauf vorzubereiten, in die Schule gehen zu können. „Ein Riesenproblem ist, die notwendigen Dokumente zu beschaffen“, räumt Indi ein. Viele staatlichen Stellen seien völlig überfordert, „es fehlt an Wissen und Sprachkenntnissen. Jeder Gang mit einer schwangeren Mutter ins Hospital, jedes Erstreiten eines Klassenzimmerplatzes bildet für unser Team eine Herausforderung. Aber alle Beteiligten lernen kontinuierlich dazu!“

In diesem Punkt ähnelt sich die Arbeit der Kindernothilfe-Partner und anderer zivilgesellschaftlicher Initiativen mit aus Venezuela geflüchteten Kindern in allen vier Ländern: Es geht immer darum, den Mädchen und Jungen einen Zugang zur Schule, zum Recht auf Bildung zu erkämpfen. Chamos Venezolanos in Quito hat dafür die Idee mobiler Klassenzimmer entwickelt, Unterrichtsvorbereitung und Unterstützung dort, wo die Kinder leben und nachmittags oder abends ihre Mütter beim Verkauf von Süßigkeiten und venezolanischen Snacks wie Arepas, Tequeños und Tamales unterstützen müssen. Mehrere Hundert Kinder beteiligen sich jeden Monat an ganz unterschiedlichen Chamos-Workshops. Bei CESIP im Limaer Stadtbezirk San Juan de Lurigancho liegt der Fokus auf der Begleitung von arbeitenden Kindern aus venezolanischen Familien: „Es geht uns darum, dass die Kinder weniger Stunden zum Geldverdienen aufwenden müssen“, erklärt die Psychologin Pilar Huamán (42), „damit mehr Zeit für die Schule bleibt.“
Dafür ist auch sehr viel Überzeugungsarbeit bei den Eltern notwendig, die auf die paar Soles, die die Kinder verdienen, angewiesen sind, um die Familie über die Runden zu bringen. „Diese Kinder verdienen sehr wenig“, sagt Pilar zornig, „aber verlieren sehr viel!“ Deshalb wendet CESIP große Energie für außerschulische Unterstützung und Nachhilfe auf. Und in Santiago de Chile geht es für das Colectivo Sin Fronteras darum, der Schulpolitik der neuen – offen rechtsextremen – Regierung unter Präsident Kast, die Kindern von Geflüchteten, die über keinen Daueraufenthaltsstatus verfügen, am liebsten überhaupt keinen Zugang zu öffentlichen Schulen gewähren will, die Stirn zu bieten: „Deshalb ist es so wichtig – notfalls auch mit Hilfe von Gerichten – für diese Mädchen und Jungen einen Platz im Klassenzimmer zu erkämpfen“, betont die Psychologin Patricia Loredo (56), eine der Gründerinnen dieser Kinderrechtsorganisation, „und mit denjenigen, bei denen wir das nicht schaffen, intensiv außerschulisch zu arbeiten. Es geht dabei immer darum, dass die Kinder sich trotz aller Ablehnung und Ausgrenzung nicht als Opfer, sondern als Akteure sehen!“

Die zwölfjährige Venecia aus Quito, die hier bereits zu Wort kam, hat das dank der Bücher in der Chamos-Bibliothek geschafft: „Lesen ist einfach fantastisch! Es hilft mir, nicht zu verzweifeln und es erinnert mich an meine Großeltern in Venezuela, die ich sehr vermisse und die mir immer vorgelesen haben.“ Jetzt ist Venecia die beste Vorleserin im „Club de Lectura“ bei Chamos. Ihr Lieblingsbuch hat Gabriel García Márquez verfasst: „Hundert Jahre Einsamkeit.“
Anhang: Weitere Aussagen der per Zoom interviewten Kinder
Angela (13) – Santiago de Chile: „Was ich am meisten vermisse, sind meine Vettern und Cousinen in Venezuela, mit denen ich immer gespielt habe. Nach Chile gekommen sind wir, als wir wegmussten, über Kolumbien und Peru. Hier in Santiago war das Allerschwerste, dass sie mir ganz lange nicht erlaubt haben, in die Schule zu gehen. Ich habe ein ganzes Schuljahr verloren, weil sie die Papiere, die meine Mama vorlegte, nicht akzeptierten. Die Video-Anrufe abends, bei der Familie zu Hause, machen mich oft sehr traurig. Alle weinen sehr viel. Da spüre ich immer, wie gerne ich wieder daheim wäre. Aber seit ich im Colectivo Sin Fronteras mitmache, habe ich auch hier Freunde gefunden. Die meisten kommen wie ich aus Venezuela oder auch aus Peru und Haiti. Chilenische Kinder reden kaum mit uns und wollen auch nicht mit uns befreundet sein. Woran ich Freude habe, ist unsere Stelzenläufer-Gruppe, mit der wir jedes Jahr beim Karneval der Kulturen dabei sind.“

Manuelito (11) – Quito: „Mein kleiner Bruder David und ich leben hier bei meiner Oma. Wir kommen aus Caracas. Ich erinnere mich noch, dass wir dort nie genug zu essen und keine Milch hatten. Am Anfang durfte ich hier in Quito nicht in die Schule. Aber dann haben sie uns doch aufgenommen. Mein Lieblingsfach ist Englisch und ich mache im ‚Club der lesenden Kinder‘ bei Chamos mit und habe sogar schon eine Urkunde fürs Vorlesen bekommen. Mein Bruder David ist sieben und spielt Fußball. Inzwischen gehört er zum Sub 8-Team unserer Schule. Immer, wenn wir können, gehen wir zu den Spielen und feuern ihn an. Unsere Oma muss morgens um vier Uhr, während wir noch schlafen, aufstehen und Empanadas und Bocaditos (kleine Brote) vorbereiten, die sie auf der Straße vor unserer Schule verkauft. David und ich helfen immer abends mit, wenn sie in der Küche arbeitet.“
Angel (16) – Mitad del Mundo (Ecuador): „Ich erinnere mich noch gut daran, wie katastrophal unser Leben zuhause in Maracay, in Venezuela war, ehe wir das Land verlassen mussten, wie sehr meine Familie unter der Gewalt der Gangs gelitten hat. Aber niemals hätte ich mir vorstellen können, wie hart es sein würde, hierher an einen Ort zu kommen, an dem sie dich verachten, weil du nicht gleich wie die Anderen aussiehst und sich dein Spanisch etwas anders anhört. Ich habe in der Schule, als ich einmal wieder angespuckt und verprügelt wurde, gefragt: Warum macht ihr das? Was habe ich euch getan? Die Antwort war immer: Weil du aus Venezuela kommst. Dort sind alle Kriminelle. Aber wir haben hier in Ecuador auch Unterstützung erhalten. Chamos hat mir geholfen, wieder in die Schule gehen zu können. Und, wenn ich dort im Basketball-Team spiele und wir gewinnen, weil ich die entscheidenden Körbe werfe, werde ich auch respektiert. Ich unterstütze meine Mutter, indem ich vor der Schule auf meine kleine Schwester Jaziel, sie ist drei, aufpasse und abends beim Verkaufen von Tamales mithelfe, damit wir über die Runden kommen. Anfang Januar hatte ich so gehofft, dass wir wieder nach Hause zurückkehren könnten, aber schon nach wenigen Tagen war klar, dass sich die Zustände, vor denen wir geflohen sind, nicht verändert haben.“
Venecia (12) – Quito: „Als wir hier ankamen, hatten wir nichts: nichts zum Anziehen, nichts zu essen. Die Leute von Chamos halfen uns beim Zurechtfinden und auch, als mich keine Schule aufnehmen wollte. Die erste Zeit war ich in den ‚Aulas Móviles‘, den mobilen Klassenzimmern von Chamos, jeden Tag fünf Stunden. Dort habe ich Lesen und Schreiben gelernt und auch bei allen Workshops mitgemacht: Tanzen, Musik und Wissenschaft für Kinder. Aber die meiste freie Zeit verbringe ich im Lese-Club. Inzwischen gehe ich auch in eine richtige Schule, habe gute Noten und sogar ecuadorianische Freundinnen und Freunde, die mich nicht ständig danach fragen, woher ich komme. Ich würde gern einmal in einer Tierarztpraxis mitarbeiten, weil ich – neben den Büchern – Tiere liebe. Im Januar spürte ich, wie sehr meine Mutter für einen kurzen Moment gehofft hatte, dass wir wieder nach Venezuela zurückgehen könnten. Aber als sie bemerkte, dass das für mich, nach all dem, was ich jetzt hier geschafft habe, nicht einfach sein würde, sagte sie mir: ‚Wir entscheiden das zusammen und machen das, was für dich gut ist!‘ Das fand ich sehr schön.“








