Vom Wahnsinn der Gewalt

Von Hermann Klosius


 Gustavo Faverón Patriau: Unten leben, Roman

Literaturverlag Droschl, Graz 2025. 597 Seiten, € 34,–

Mit dem Roman „Vivir abajo“ machte der peruanische Autor Gustavo Faverón Patriau 2018 international auf sich aufmerksam, blieb aber im deutschen Sprachraum weitgehend unbekannt. Im Sommer ist nun im Grazer Droschl-Verlag mit „Unten leben“ – in der Übersetzung von Manfred Gmeiner – das erste Buch dieses Autors auf Deutsch erschienen und wurde von der Kritik als „Meilenstein der lateinamerikanischen Literatur des 21. Jahrhunderts“ gewürdigt..

In zahlreichen, kunstvoll ineinander verwobenen Handlungssträngen führt uns der Roman vor Augen, dass die extreme Gewalt, die vor allem die Militärdiktaturen im Süden Lateinamerikas kennzeichnete, kein Phänomen der Vergangenheit ist, sondern bis in die Gegenwart fortwirkt, mit dem Wahnsinn als ihrem steten Begleiter.

Dass sich auch George, die Hauptfigur des Romans, dieser verhängnisvollen Dynamik nicht entziehen konnte, macht schon die – verstörende – Lektüre des ersten Kapitels deutlich: Er begeht darin einen kaltblütig geplanten und brutalen Mord an einem uns harmlos erscheinenden Greis, der mit seiner Tochter (unter dem Pseudonym Rainer Enzensberger) in Lima lebt. Im zweiten Kapitel werden wir Zeugen der Jugend von George, der als Sohn eines Geheimagenten in Brunswick, einer Kleinstadt im nordöstlichen US-Bundesstaat Maine aufwächst und sich intensiv mit Lyrik und Filmen beschäftigt (und auch erste Schritte als Filmemacher unternimmt). Sein (gleichnamiger) Vater ist vielfach abwesend und arbeitet als Berater diverser lateinamerikanischer Diktatoren wie Paraguays Strössner, dem er von außen nicht als solche erkennbare Gefängnisse errichtet.

Wie George jun. entdeckt, empfängt sein Vater nachts Besuche eines Mannes, bei dem es sich um Georges besten Freund, den minderjährigen Musiker Chuck, handelt. Georges Jugend endet damit, dass sein Vater schließlich Chuck in einer dieser Nächte ermordet. Der Vater landet als Gefangener in einem Irrenhaus, während George quasi auf den Spuren seines Vaters nach Südamerika aufbricht. Der Zufall will es, dass er in Paraguays Hauptstadt Asunción gefangen genommen wird und acht Jahre (bis zu Strössners Sturz) in einem der von seinem Vater geplanten Gefängnisse verbringt.

Einer der berüchtigsten Folterer und Mörder, der dort regelmäßig auftaucht, ist ein Deutscher, eben jener Rainer Enzensberger, wenn auch unter anderem Namen, den George in Lima umbringen sollte. Wie wir später erfahren, handelte es sich dabei aber um keinen (aus der Sicht von George) Akt von Gerechtigkeit, da das Opfer der (harmlose) Zwillingsbruder des Verbrechers war, der dessen Vornamen angenommen hatte (während jener untertauchte) …

Wieder in Freiheit, folgt George nicht mehr den Spuren des Vaters, sondern jenen der Argentinierin Raymunda Walsh, mit der er sich vor der Gefangenschaft angefreundet hatte. Sie war gemeinsam mit ihm gefangen genommen worden, aber bereits zwei Wochen später wieder freigekommen und hatte – nach jahrelanger vergeblicher Suche nach George – schließlich einen Chilenen geheiratet, eine Art Militärattaché, mit dem sie zunächst in Lima und danach in Santiago gelebt hat. George gelingt es schließlich, sie (und ihren Sohn, die Frucht von Vergewaltigungen während ihrer Gefangenschaft) – über eine Reihe von Verwicklungen und Zufällen – zu finden. Sie eröffnet ihm, dass sie sich in ihrem (nach außen hin freundlichen und umgänglichen) Mann mit guten Umgangsformen getäuscht habe. Er habe ihr inzwischen seine von ruchloser Gewalt gezeichnete Karriere als maßgebliches Mitglied des chilenischen Geheimdienstes gestanden. Sie eröffnet George ihre Fluchtpläne (gepaart mit dem Wunsch, ihren verbrecherischen Gatten umzubringen). Schon aus Verzweiflung auf dem Weg zurück Richtung Norden kehrt George wieder um und ermordet Raymundas Gatten. Anschließend flieht er nach Lima, wo er einige Monate später den vermeintlichen Folterer umbringt.

Nachforschungen des vorgeblichen Autors dieses Romans, eines peruanischen Journalisten und (Film-) Wissenschaftlers, ergeben schließlich, dass George aus Lima nach Bolivien geflohen ist und sich dort in La Higuera, dem Sterbeort von Che Guevara (den laut Roman Georges Vater erschossen hat) niedergelassen hat, und zwar gemeinsam mit Raymunda und ihrem Sohn. Trotz aller Gewalt und des mit ihr verknüpften Wahnsinns gibt es also zumindest den Ansatz eines Happy End.

Zahlreiche Nebenstränge der Handlung (z.B. die Geschichte eines chilenischen Autors, dessen durchwegs unveröffentlichte weit über 100 Romane auf zunächst wunderbare Weise als Manuskripte in Brunswick landen) werden nach und nach miteinander verknüpft. Auch die hie und da aufscheinenden Anklänge an magischen Realismus beeinträchtigen den insgesamt positiven und fesselnden Eindruck des Romans nicht, obwohl sie zu den nicht zusammengeknüpften Fäden zählen und ungeklärt bleiben (z.B. dass über einen Film von Werner Herzog bereits im Jahr vor dessen Erscheinen engagiert debattiert wird, oder dass George ein Gedicht bereits gelesen hat und auswendig kennt, als er dessen Autor trifft und dabei erlebt, wie er gerade dieses Gedicht schreibt). Dass nicht alle Rätsel gelöst werden, mag sogar dazu beitragen, dass die Lektüre zum Nachdenken anregt und die Lehre daraus, vor den vielfältigen Fallstricken der Gewalt auf der Hut zu sein, umso nachhaltiger beherzigt wird.

Präsentationen

11. November, 19:00: München, Instituto Cervantes

13. November, 15:30: Buch Wien, STANDARD.Bühne

15. November, 19:00: Literaturhaus Wien

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