Kolumbianische Stimme gegen das Vergessen

Von Hermann Klosius


Marbel Sandoval Ordóñez: An einem Seitenarm des Río Magdalena

bahoe books, Wien 2025, 173 Seiten, 22,– Euro

Mit der Schlagzeile „Acht Guerilleros unschädlich gemacht“ berichtete im Jänner 1984 die kolumbianische Tageszeitung Vanguardia Liberal über ein von Paramilitärs und Armeeangehörigen verübtes Massaker, dessen Täter von staatlichen Stellen gedeckt wurden. Dieses Ereignis, mit dem sie als junge Reporterin befasst war, bildet den realen Hintergrund für diesen packenden und berührenden Roman über Kolumbiens jüngere Gewaltgeschichte, den Erich Hackl „angemessen leise und einfühlsam ins Deutsche übertragen“ hat (Michael Schmitt, Deutschlandfunk).

Die Erzählperspektive wechselt zwischen der zwölfjährigen Sierva Maria und der etwas älteren Paulina, die einander in einer katholischen Privatschule in Barrancabermeja, einer von der Erdölförderung geprägten Stadt am Río Magdalena, kennenlernen und Freundinnen werden. Sierva María lebt mit ihrer Mutter, einer Schneiderin, in ärmlichen Verhältnissen. Paulina ist mit ihrer Mutter und fünf Geschwistern drei Jahre vorher von ihrer Finca in Puerto Acuña in die Stadt geflohen, als die Bedrohung durch Überfälle von Paramilitärs, vier Wochen nach dem gewaltsamen Tod ihres Vaters, immer untragbarer geworden war.

Wie bereits der Beginn des Romans verrät („Paulina Lazcarros Leiche wurde nie gefunden.“), stehen bald nicht mehr die Freundschaft dieser Mädchen und ihre Wissbegier im Mittelpunkt des Geschehens, sondern die Gewalt, deren Opfer Paulina wird, als sie gemeinsam mit ihrer Mutter die Rückkehr auf ihre Finca wagt, die prompt schon in der ersten Nacht von einer Gruppe von Paramilitärs überfallen wird. Paulina berichtet – aus einer Art ewiger Nacht, einer Form von Jenseits heraus – über Gewalt, Schüsse, Vergewaltigungen und ihre Todesangst … Die Opfer, mit Ausnahme Paulinas, werden tags darauf von der Armee als angeblich gefallene Guerilleros der Öffentlichkeit präsentiert.

Sierva María trauert um ihre ermordete Freundin und bemüht sich um Aufklärung. Auch wenn es gelingt, einige der Täter vor Gericht zu stellen, bleibt die Gewalt weitgehend ungesühnt. Das durch den Katechismus-Unterricht eines der Theologie der Befreiung nahestehenden Priesters zunächst bei Paulina erwachte politische Bewusstsein lebt aber in Sierva María, für die sie ein Vorbild war, weiter und gibt Hoffnung.

Eva-Christina Meiers Fazit ist uneingeschränkt zuzustimmen: „Marbel Sandoval Ordóñez‘ Erzählung gelingt es literarisch überzeugend, die Wunden, das Leid und den Verlust in Erinnerung zu rufen, die Gewalt, Willkür und Straflosigkeit in der jüngsten Geschichte Kolumbiens verursacht haben.“ (taz, 29.11.2025) Der Roman ist Teil einer Trilogie mit dem Titel „Verschwörung gegen das Vergessen“, die vor allem Frauen gewidmet ist, die wie Paulina zu Opfern von Gewalt geworden sind.

Lesereise

Marbel Sandoval Ordóñez mit ihrem Übersetzer Erich Hackl

13.4., 19:00 Uhr Literaturhaus Wien
14.4., 19:30 Uhr Literaturhaus Salzburg
15.4., 19:00 Museumscenter Leoben, Museumsturm, Leopoldine-Pohl-Platz 1
16.4., 19:30 Uhr Spielboden Dornbirn
17.4., 20:00 Schlierbach, Literarische Nahversorger, Seminarhotel Spes

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