Gespräch von Jürgen Schübelin mit Ilse Kreiner über ihr Engagement bei der NGO Aynimundo in Lima
Wie gehen Menschen damit um, dass jedes Einsteigen in einen öffentlichen Bus zur tödlichen Falle werden könnte? Wie bewältigen sie ihren Alltag angesichts immer brutaler agierender krimineller Gangs, die inzwischen – wie in vielen anderen lateinamerikanischen Großstädten – auch im peruanischen Lima die Kontrolle vor allem über die Armenviertel an der Peripherie dieser Elf-Millionen-Stadt übernommen haben? Ilse Kreiner (72), promovierte Physikerin und studierte Betriebswirtin aus Perchtoldsdorf in Niederösterreich, derzeit als Freiwillige der Kindernothilfe Österreich zum 15ten Mal in Lateinamerika im Einsatz, beschreibt in einem online-Interview für lateinamerika-anders.org, wie das Bewusstsein, ständig Opfer einer Gewalttat werden zu können, für Kinder und Erwachsene die täglichen Routinen und Verhaltensweisen verändert, aber auch, wie Menschen lernen, mit dieser Dauer-Belastung zu leben.
Manchmal fühle sie sich, sagt Ilse Kreiner gleich im zweiten Satz, ganz unfreiwillig wie Teil einer Art Langzeit-Studie: Nach so vielen Jahren, in denen sie jeweils während der österreichischen Wintermonate von November bis Ende März als ehrenamtliche Freiwillige beim langjährigen Kindernothilfe-Partner Aynimundo mitarbeitet, „spüre ich, wie sich die Dinge in diesem Land verändern. Und zwar massiv.“ Beispiel Busfahren: Als konsequente Nutzerin des öffentlichen Personennahverkehrs, nicht nur zuhause, sondern auch in Lima, gaben ihr die Kolleginnen und Kollegen aus dem Aynimundo-Team gleich nach der Ankunft in Peru den dringenden Rat, sich beim Einsteigen in einen Bus tunlichst hinten, weit vom Fahrer entfernt, zu setzen, weil Busfahrer (Frauen finden sich in diesem Metier in Peru so gut wie nicht) sogar am helllichten Tag oft Opfer von Überfällen und Gelderpressungen werden und dabei Gefahr laufen, von den Tätern erschossen zu werden. „Das bedeutet natürlich“, erklärt Ilse Kreiner, „dass alle, die in der Nähe des Fahrers sitzen, besonders gefährdet sind, bei einem solchen Raubmord ebenfalls von einer Kugel getroffen zu werden.“

„Es ist den Menschen durchaus bewusst, wie sehr die Gewalt in ihrer Stadt ihren Alltag bestimmt“, so die 72jährige, „ganz viele mussten selbst schon einschlägige Erfahrungen machen, haben Überfälle, Angriffe, Raub mit vorgehaltener Waffe entweder beobachtet oder selbst erlebt.“ Bei ihrer Arbeit im Aynimundo-Zentrum im Stadtteil Chorrillos mit Müttern von Kindern mit Behinderungen, die Selbstgebackenes oder Selbstgekochtes auf der Straße oder in der Nachbarschaft anbieten, um ihre prekäre wirtschaftliche Situation etwas zu verbessern, sind Berichte über Schutzgeld-Erpressungen immer wieder ein Thema: „Dabei geht es natürlich nie um Schutz“, stellt Ilse Kreiner klar, „sondern schlicht um das brutale Ausnehmen der Verletzlichsten!“ Ein relativ neues Phänomen dabei ist, dass bewaffnete Gangmitglieder in den Armenvierteln von Hütte zu Hütte ziehen, um Geld zu erpressen.
Das peruanische Sozialforschungsinstitut Ipsos hat in einer seiner jüngsten Untersuchungen herausgefunden, dass 66 Prozent der Befragten vor nichts mehr Angst haben als davor, dass sie selbst oder nahe Angehörige Opfer von Gewalt werden könnten. Laut Ipsos ist das weltweit der höchste in Umfragen gemessene Wert. „Aber die Menschen müssen ja trotzdem irgendwie ihren Alltag organisieren“, erklärt Ilse Kreiner, „es bleibt ihnen gar nichts anderes übrig, als sich im öffentlichen Raum zu bewegen.“ Vor allem für Mütter, die mit Kindern mit einer Beeinträchtigung unterwegs sein müssen, ist das eine belastende Herausforderung. Eine der Strategien, um sich wenigstens etwas zu schützen, besteht darin, sich mit anderen Frauen in der gleichen Situation abzusprechen, um Besorgungen oder die Fahrten zum Therapiezentrum von Aynimundo gemeinsam zu erledigen, oder sich bei verdächtigen Beobachtungen auf der Straße oder in der Nachbarschaft per Handy gegenseitig zu warnen, aber auch die nötigen Wege immer wieder zu wechseln, andere Routen zu benutzen. Ilse Kreiner: „Ich mache das den Frauen nach und versuche, mich ebenfalls auf diese Weise präventiv zu verhalten.“
Und dann geschieht etwas, was die 72jährige auch an sich selbst beobachtet hat: „Wenn man ständig in Gefahrensituationen lebt und arbeitet, geht das nicht tagaus-tagein mit dem Adrenalin-Pegel am Anschlag. Die Bedrohung führt nach und nach zur Gewöhnung.“ Etwa beim Busfahren: „Ältere Menschen, aber durchaus auch Mütter mit Kindern“, so ihre Wahrnehmung, „setzen sich – trotz all der bekannten Warnungen – hinter den Fahrer oder auf die vorderen freien Plätze, vielleicht auch in der unbewussten Hoffnung, durch ihre Präsenz Angreifer vom Schusswaffengebrauch abzuhalten.“
Eingerahmt werden diese Begegnungen mit Menschen in einer zutiefst verunsicherten Gesellschaft durch eine geradezu groteske Häufung der immer gleichen politischen Krisen: „In den vergangenen zehn Jahren hatte Peru“, rechnet Ilse Kreiner vor, „bereits acht Präsidentinnen und Präsidenten. Das ist vermutlich Weltrekord!“ Und seit der Jahrtausendwende gab es unter ihnen fast niemanden ohne Probleme mit der Justiz. Vier Ex-Präsidenten befinden sich derzeit wegen Korruption hinter Gittern, einer wegen eines versuchten Staatsstreichs. „Wenn ich darüber mit den Menschen, mit denen ich arbeite, spreche“, berichtet Kreiner, „zucken die meisten nur mit den Schultern. Es ist in diesem Land inzwischen völlig normal, dass es keine Regierung schafft, ihr Mandat auch nur annähernd bis zum Ende zu bringen.“ Und: „Die Menschen haben null Vertrauen in das politische System. Ich habe noch niemanden getroffen, die oder der daran glaubt, dass es irgendeine Chance gibt, in Peru die grassierende Korruption zu überwinden.“ Auch in diesem Punkt bestätigen demoskopische Untersuchungen die Beobachtungen der Freiwilligen aus Perchtoldsdorf: Laut dem Sozialforschungsinstitut Ipsos sind sich 87 Prozent der Interviewten sicher, dass die Korruption im Land ihr tägliches Leben massiv beeinträchtigt.
Am 12. April wird in Peru das nächste Mal das Staatsoberhaupt gewählt. Über 30 Kandidatinnen und Kandidaten stehen diesmal auf dem Wahlzettel. In den Umfragen führt der rechtsextreme Geschäftsmann und Politiker Rafael López Aliaga, der sich selbst als den Bolsonaro Perus bezeichnet. Aber sogar beim Gespräch über ihn und seine Leute, so schildert Ilse Kreiner ihre Diskussionen im Aynimundo-Team oder mit Eltern der Kinder im Projekt, glaubt niemand, dass es um irgendetwas anderes geht, als sich die Taschen zu füllen: „Die Menschen sind an einem Punkt angekommen, an dem es ihnen letztlich egal ist, wer regiert.“

Was macht dieser Fatalismus und diese Resignation gegenüber den politischen Verhältnissen mit den Familien der Kinder und Jugendlichen im Aynimundo-Projekt, mit dem Team der Mitarbeitenden, mit den Nachbarn im Stadtbezirk Chorrillos und den Armenvierteln, aus denen die Kinder in dieses Zentrum zur Therapie und zur Suche nach Unterstützung kommen? „Es gibt in diesem Land einen Alltag, der sich im Schatten all dieser chaotischen politischen Verhältnisse, des endemischen Staatsversagens und der Kriminalitäts- und Korruptionsprobleme abspielt“, erklärt Ilse Kreiner: „Dazu gehört, dass die Eltern mit all ihrer Kraft darum kämpfen, ihren Kindern trotz aller Widrigkeiten und Beeinträchtigungen eine Chance bieten zu können, ihren Platz zu finden, Ihr Leben in Würde zu führen und dabei ihren Beitrag zu leisten.“ Aber wirtschaftliche Krisenzeiten und eine große politische Unsicherheit machen es auch Firmen und möglichen anderen Arbeitsgebern nicht leicht, junge Menschen mit einer Behinderung einzustellen und, fügt Ilse Kreiner nachdenklich hinzu, „durchzuhalten, wenn es einmal schwierig wird und viel Geduld im Umgang miteinander gefragt ist.“
Trotzdem schafft es das Aynimundo-Team dank seiner jahrelangen Netzwerkarbeit und professionellen Kontakte immer wieder, junge Leute mit Behinderungen in Jobs zu vermitteln. Was Ilse Kreiner diesmal besonders umtreibt, ist ein Aspekt, der weit über dieses beeindruckende Engagement für die Rechte von Kindern und Jugendlichen mit Behinderungen hinausreicht: „Ich komme immer mehr zum Schluss“, beschreibt Kreiner ihre eigenen Lernkurve, „dass diese jungen Menschen Herausforderungen brauchen, um zu wachsen und Erfolge zu erleben.“ Eltern, die – und sei es in der allerbesten Absicht – ihren Kindern ständig Hindernisse aus dem Weg räumen, Schwierigkeiten ersparen wollen, „nehmen ihnen letztlich den Wind unter den Flügeln.“ Als eindrucksvolles Beispiel hat sie immer wieder einen autistischen Jungen vor Augen, der, nachdem er endlich eine Stelle in einem Betrieb fand, lange Zeit nur als Reinigungskraft arbeiten durfte, weil seinen Chefs die Kommunikation mit ihm zu mühsam war. Erst als endlich jemand verstand, dass die Leidenschaft und das große Talent des Jungen darin bestehen, Dinge perfekt in Ordnung zu halten, und er im Warenlager der Firma eingesetzt wurde, brach der Knoten: „Die große Herausforderung besteht darin, die Potentiale dieser jungen Menschen zu erkennen, sie nicht zu unterfordern oder gar zu verhätscheln!“
Ihren eigenen Beitrag bringt die 72jährige diesmal dadurch ein, im Rahmen ihres Freiwilligen-Engagements im Aynimundo-Zentrum an einer Art Berufs- und Arbeitsvorbereitungs-Training mit behinderten jungen Leuten mitzuwirken: „Es geht zunächst einfach darum, ganz grundlegende Fähigkeiten zu stärken, zum Beispiel, pünktlich mit einem Workshop anzufangen, selbst Entscheidungen zu treffen, nicht gleich frustriert zu sein, wenn etwas beim ersten Versuch nicht klappt und, ganz wichtig, mit anderen im Team zu arbeiten, sich Aufgaben zu teilen.“ Genial bewährt habe sich dabei, schwärmt Ilse Kreiner, „gemeinsam zu kochen, zu backen, Pizzas herzustellen!“ Und: Die Eltern der Kinder und Jugendlichen zu überzeugen, während der Kurse draußen zu warten, sich nicht einzumischen. „Das Geheimnis besteht darin, den Jungen und Mädchen Sicherheit zu geben, sie selbst spüren zu lassen, auf einem guten Weg zu sein!“ Dieser Prozess, ist Ilse Kreiner überzeugt, „ist auch eine Antwort auf all das Chaos und die täglichen Bedrohungen um sie herum!“
Über Aynimundo
Für Aynimundo, 2001 von engagierten jungen Architekten gegründet, um zusammen mit den Menschen in den „pueblos jóvenes“, den nach Landnahmen entstandenen Armenvierteln im Süden Limas, Nachbarschaftsprojekte umzusetzen, urbane Infrastruktur zu verbessern, Lebensqualität zu schaffen – wurde im Lauf der Jahre das Engagement für die Rechte von Kindern mit Behinderungen und die Unterstützung ihrer Familien zum Markenkern, zur zentralen Arbeitsaufgabe. Der Name Aynimundo – zusammengesetzt aus dem Quetchua-Wort „ayni“, das in der andinen Kosmovision für die Prinzipien Gegenseitigkeit, Gleichheit und Gerechtigkeit steht, und dem spanischen „mundo“ (Welt) – ist dabei Programm und Richtschnur.







