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Mexiko: Keine Gerechtigkeit für Fidel

Ermordung des Menschenrechtlers Fidel Heras Cruz in Mexiko bisher nicht aufgeklärt

 

Ein friedlicher, erfolgreicher Widerstand gegen Staudammprojekte in Oaxaca wird plötzlich von einem brutalen Mord überschattet. Fidel Heras Cruz bezahlt seinen Einsatz für den Río Verde mit seinem Leben. Den lokalen Machthabern war der Organisierungsprozess der Gemeinden schon lange ein Dorn im Auge.

Von Philipp Gerber

„Unser compañero Fidel Heras Cruz wurde am 23. Januar 2021 in seinem Pick-up am Eingang zum Dorf La Esperanza in der Gemeinde Santiago Jamiltepec in Oaxaca erschossen. Sein Leben wurde ihm auf grausame und feige Weise genommen“, kritisieren lokale Menschenrechtsverteidiger*innen in einem offenen Brief, der am 23. Februar erschien. "Wir können nicht zulassen, dass noch mehr Menschenrechtsverteidiger*innen in den Gemeinden ermordet werden. Der Mord an unserem compañero darf nicht ungestraft bleiben“, fordert der Rat der Vereinigten Dörfer zur Verteidigung des Río Verde (COPUDEVER) weiter. Trotz großem Echo in der mexikanischen Presse, Urgent Actions und Protestnoten, einschließlich der Vereinten Nationen und europäischer Botschaften, ist bisher keine Strafverfolgung durch die mexikanischen Behörden erkennbar.

Der 42-jährige Fidel Heras Cruz, Präsident des Dorflandrats von Paso de la Reyna, setzte sich seit Jahren für den Schutz des Flusses Río Verde ein, der in seinem breiten Bett das kleine Dorf majestätisch langsam umfließt. Das nahe der Pazifikküste gelegene Paso de la Reyna im Bundesstaat Oaxaca ist in den letzten Jahren zum Symbol des friedlichen Widerstands gegen Großprojekte geworden. Flussaufwärts, nur wenige hundert Meter vom Dorf entfernt, wollte die staatliche Energiekommission CFE seit 2006 einen 190 Meter hohen Staudamm errichten und so den Río Verde zur vermeintlich ökologischen Energieerzeugung nutzen. COPUDEVER, ein Zusammenschluss von rund 40 von diesem Projekt betroffenen Dörfern, wehrte sich erfolgreich gegen den Staudammbau. Von 2009 bis 2014 installierten die Dörfer ein Widerstandscamp und sperrten mit einer Kette die Brücke eines Zuflusses des Río Verde. In das Tal von Paso de la Reyna kam nur, wer dort wohnte. Ingenieur*innen und Sozialwissenschaftler*innen eines bekannten Instituts für Ethnologie, das mit den technischen und sozialen Machbarkeitsstudien des Projekts beauftragt worden war, wurde der Zugang verwehrt. So wurde das Megaprojekt schon in der Planungsphase gestoppt. Trotz dieses Erfolgs hat das Projekt Spuren hinterlassen. Eva Castellanos, eine junge Aktivistin aus Paso de la Reyna, kommentierte den erfolgreichen friedlichen Widerstand mit nachdenklichen Worten: „Auch wenn wir das Kraftwerk stoppen konnten, wir sind alle von diesem Großprojekt betroffen. Wir organisieren uns, streiten mit Nachbarn, die nicht mit uns einig sind, denken ständig an das Projekt”.

Fidel Heras Cruz | Foto: Jonathan Treat

Fidel Heras Cruz war 2008 nach 15 Jahren Migration aus den USA zurückgekehrt, als er davon erfuhr, dass sein Dorf von einem Megaprojekt bedroht wurde. Er war ein allseits geschätztes, aktives Gemeindemitglied und ein verantwortungsvoller Familienvater. Bereits 2012 bekam er erstmals die geballte Wut der lokal einflussreichsten Familie zu spüren. „Wir werden ja sehen, wann ihr endlich diese verdammte Kette entfernt”, drohte ihm Gabriel Iglesias Meza alias „Chulindo“, fast allmächtiger Großgrundbesitzer und Gemeindepräsident von Santiago Jamiltepec. Den gefürchteten Lokalpolitiker erzürnte die Sperre auf der Brücke, mit der die Gemeinden des COPUDEVER die Kontrolle ihres Territoriums zur Verhinderung des Megastaudamms demonstrierten. Wenige Tage später konfrontierte eine 30-köpfige Delegation des COPUDEVER Gabriel Iglesias mit seiner Drohung und übergab ihm ein Dutzend offizieller Schreiben von anderen Gemeindevorständen, die Fidel Heras und die Arbeit der Widerstandsvernetzung unterstützten. Gegenüber den Staudammgegner*innen bestritt Iglesias die Drohung und ließ den Fall ruhen. Als er keine zwei Jahre später verstarb, übernahmen sein Witwe und seine beiden Söhne die Macht in der Region.

Seit 2018 ist der Río Verde durch zwei neue Staudammprojekte der mexikanischen Firma Generación Enersi bedroht, doch auch sie stieß auf den organisierten Widerstand der Gemeinden. Der COPUDEVER organisiert regelmäßig gut besuchte kulturelle Veranstaltungen, an denen Alternativen zum Entwicklungsnarrativ weitergetragen werden. Am 14. März 2020, dem internationalen “Aktionstag für die Flüsse und gegen die Staudämme”, fand ein weiteres solches Treffen in Paso de la Reyna statt. Vom Morgengrauen bis in die Nacht hinein zelebrierten die Gemeinden am Ufer des Río Verde ihr weitgehend harmonisches Zusammenleben mit Fluss und Natur, nur in der Nachbargemeinde nahm die Sand- und Schottergewinnung aus dem Flussbett zu. Trotz dieser guten Grundlagen wurde 2020 die soziale Organisierung in Oaxaca durch die endlose Quarantäne beeinträchtigt.

Inmitten der zweiten Welle der COVID19-Pandemie, die vor allem den ländlichen Raum betraf und im Januar 2021 auch Paso de la Reyna mit voller Wucht erreichte, wurde Fidel Heras ermordet. Der COPUDEVER und die ihn begleitenden Organisationen machten anschließend öffentlich, dass er kurz zuvor wieder Morddrohungen von der Familie Iglesias erhalten hatte. Seit August 2020 erhöhte Celia Rivas Márquez, Witwe von „Chulindo“ und heute Gemeindepräsidentin von Santiago Jamiltepec, den Druck auf Paso de la Reyna und forderte, dass die Gemeinde einer verstärkten Ausbeutung des Flusses zur Gewinnung von Sand und Stein zustimmen müsse. Angesichts der gewalttätigen Geschichte der Familie Iglesias versuchte die Gemeinde zu verhandeln, zuständig dafür war Fidel Heras in seiner Funktion als Vorstand des Gemeinderats. Doch diese Verhandlungen mit dem Sohn von Chulindo, Manuel Iglesias, der diesen Abbau ohne irgendeine Bewilligung des Umweltamtes betreibt, scheiterten. Als im Dezember 2020 seine Baumaschinen kleinere Schäden erlitten, bedrohte Manuel Iglesias den Komissär Fidel Heras und zwei Tage vor seiner Ermordung lag eine anonyme, schriftliche Morddrohung in den Einrichtungen des Landrats von Paso de la Reyna.

Trotz dieser Indizien wurde bisher kein Mitglied der Familie Iglesisas verhört. Die Pandemie ist die perfekte Rechtfertigung für den mexikanischen Staat, noch weniger als sonst zum Schutz der Bevölkerung zu unternehmen. Einen einzigen Patrouillenbesuch von bundesstaatlichen Polizisten erhielt die Gemeinde seit dem Mord an ihrem Gemeindevertreter. In die Ecke gedrängt von Pandemie und Straflosigkeit, versuchen die Menschenrechtler*innen, wieder handlungsfähig zu werden. Doch das ist einfacher gesagt als getan. Ana María García, Mitarbeiterin der Nichtregierungsorganisation EDUCA, die den COPUDEVER seit seiner Gründung 2007 begleitet, formuliert das so: „Das Selbstverständnis dieser mächtigen Familien in Oaxaca ist, dass sie nicht nur Herrscher mit wirtschaftlicher und politischer Macht sind, sondern sogar über das Leben der Menschen bestimmen.“ Die regionale soziale Organisierung der Dörfer wurde zu einem Gegengewicht zu den bisherigen autoritären Machtstrukturen. Die gewalttätige Reaktion auf den Widerstand ist ein Mord mit hoher symbolischer Bedeutung: „Fidel ist ein Symbol, weil er ein Verteidiger der Gemeinschaft und Vorstand einer Gemeinschaft war, die gegen diese Macht rebellierte“, resümiert Ana María García.

Mehr Infos: http://pasodelareina.org/

Kampagne: https://www.educaoaxaca.org/convocatoria-para-participar-en-la-campana-justicia-para-fidel-heras-cruz-rios-libres/