editorial

Dass Lateinamerika ein Kontinent ist, in dem sich die Bewegungen – in welche Richtung auch immer –  teilweise überlappen und auch überkreuzen, ist nichts Neues. Trotzdem ließen sich in der jüngsten Vergangenheit in den einzelnen Ländern immer wieder Kräfte ausmachen, die in der Region als solcher die Hegemonie nachhaltig bestimmten. So war es in der Kolonialzeit etwa die katholische Kirche, die den Kontinent im Dienste der ausländischen Machthaber vor sich hertrieb, und ab Ende des 19. Jahrhunderts die Liberalen, die in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts von den Neoliberalen US-amerikanischer Prägung abgelöst wurden.

In diesem Heft gingen wir der Frage nach, welche Kräfte heute in der Auseinandersetzung um die regionale Hegemonie beteiligt sind, und stießen dabei auf das Phänomen der Evangelikalen Kirchen, die sich zeitgleich mit und in ihrer großen Mehrzahl auch gegen die sozialreformerischen Kräfte entwickelt haben. In Brasilien, Chile, Kolumbien, Honduras, Nicaragua, etc. waren und sind sie maßgeblich am backlash dieser Dekade gegen linke und linksliberale Kräfte beteiligt.

So hat ihr Einfluss sicher dazu beigetragen, dass in Guatemala mit Alejandro Giammattei der dritte Rechtsextreme in Folge zum Präsidenten gewählt worden ist. Im Gegensatz dazu lassen die kurz bevorstehenden Wahlen in Bolivien, Argentinien und Uruguay Erfolge der progressiven Kandidaten erwarten.

Ein besonderes Augenmerk wird auf Mexiko gelegt, dessen Regierung – ebenfalls gegenläufig zu vielen anderen Ländern der Region – einen zwar recht kontroversiell diskutierten, aber mit viel Elan vorangetriebenen Demokratisierungsprozess eingeleitet hat. Allerdings gilt gerade hier der Spruch: „Es kann der Beste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt.“ Das zeigt sich vor allem in der Art und Weise wie Donald Trump seinen „privat“ anmutenden Feldzug gegen die MigrantInnen aus Zentralamerika führt, aber auch in seinen immer heftigeren Drohgebärden gegenüber Venezuela. Berichte über die jüngsten Entwicklungen in Ecuador und Peru folgen im nächsten Heft.

Leo Gabriel