editorial

Auch in dieser Ausgabe haben wir uns bemüht, die ganze Vielfalt der aktuellen Probleme und Ereignisse des Kontinents wiederzugeben. Der Bogen reicht von den LehrerInnen in Oaxaca über die Indígenas in Nicaragua und Kolumbien bis zu den peruanischen Goldsammlern und den Behinderten in Bolivien. Doch dieser Facettenreichtum wird in fast allen diesen Beiträgen von einem Gefühl der Ohnmacht überschattet. Im Unterschied zu den vergangenen Jahren hat man heute den Eindruck, dass diese Schatten immer länger werden, je genauer man die politischen und wirtschaftlichen Machtzentren in den einzelnen Ländern betrachtet.

Was ist passiert? Um dieser Frage nachzugehen, blicken wir hinter die Kulissen der aktuellen Ereignisse im größten und bevölkerungsreichsten Land des lateinamerikanischen Kontinents: Brasilien. Ähnlich wie in anderen Ländern Lateinamerikas, die in den vergangenen Jahren mehr oder weniger fortschrittliche Präsidenten an die Regierung gebracht haben, hat auch hier eine politische Schubumkehr stattgefunden.

Die AutorInnen dieses Schwerpunktthemas – durchwegs profunde Kenner der brasilianischen politischen Kultur – haben von verschiedenen Seiten her die Realität der (vorübergehenden oder definitiven?) Machtablöse an der Staatsspitze untersucht, die sie alle übereinstimmend als „sanften Putsch“ charakterisieren. Im ersten Teil geht es um die politischen und wirtschaftlichen Hintergründe, die den Stein des Anstoßes in Rollen gebracht haben; ein zweiter Abschnitt schildert die am Coup beteiligten Akteure wie das Parlament, die Medien und den internationalen Kontext. Und last, but not least kommen zwei Frauen zu Wort, welche die Platzhalterdiktatur von Michel Temer, der Dilma Roussef für 180 Tage abgelöst hat, ebenso schonungslos kritisieren wie Rios verfehlte Investitionspolitik im Kontext der Olympischen Spiele.

Ob mit den oder ohne die fortschrittlichen PräsidentInnen, die das politische Panorama Lateinamerikas in den letzten Jahren um viele Erfahrungen bereichert haben: Der Kampf geht weiter.

Leo Gabriel