editorial

Es ist eine seltsame Fügung, dass diese Nummer besonders viele Texte von Werner Hörtner, unserem langjährigen Obmann und Redaktionsmitglied, enthält. Als hätte er gewusst, dass es seine letzten Beiträge für Lateinamerika anders sein würden, hatte er sich für besonders viele Themen gemeldet. Sein unerwarteter Herztod bei einer Bergwanderung in den Karpaten hat uns schockiert und hinterlässt uns ratlos, wie wir ohne ihn, dessen Triebkraft uns immer motiviert hat, weitermachen sollen. Es ist ein geringer Trost, dass Werner, der Hedonismus und Askese zu verbinden verstand, auf ein volles Leben zurückblickte und in seinen geliebten Bergen sterben konnte. Zumal er noch zuhauf Projekte begonnen hat, von denen einige unvollendet bleiben werden. Eine ausführlichere Würdigung unseres Freundes finden Sie auf den Seiten 4–6.

Die längst überfällige Annäherung zwischen den USA und Kuba war uns Anlass, das Verhältnis der Supermacht zu ihrem ehemaligen Hinterhof aus verschiedenen Perspektiven zu beleuchten. Während Zentralamerika, das vor 25 Jahren noch Schauplatz von Weltpolitik war, wirtschaftlich davon abhängt, ob Migranten ohne Papiere legalisiert oder abgeschoben werden, zeigen die USA wenig Interesse an einer weniger hegemonialen Politik gegenüber dieser Region. Das Gipfeltreffen in Panama, das die Rückkehr Kubas in die Regionalgemeinschaft brachte, hat gezeigt, dass Lateinamerika selbstbewusster geworden ist. Die USA wären gut beraten, nach 200 Jahren Interventionismus ein neues Verhältnis zum Subkontinent, ein Verhältnis auf Augenhöhe, zu suchen. Vielleicht ist es der zunehmende Einfluss chinesischer Wirtschaftsinteressen, der Washington dazu zwingt, auf die Nachbarn im Süden zuzugehen. Die Beispiele Venezuela und Nicaragua zeigen, dass funktionierende Handelsbeziehungen nicht durch ideologische Differenzen gestört werden müssen. Eine Normalisierung der Wirtschaftsbeziehungen zu Kuba kommt auch in konservativen Kreisen in den USA gut an. Und vielleicht entscheidet sie ja sogar das nächste Rennen ums Weiße Haus.

Ralf Leonhard