editorial

Jawohl, wir nennen uns lateinamerika anders und wir wollten ja auch diesmal wieder ganz anders sein, wir wollten keinen Schwerpunkt Brasilien aus Anlass der laufenden Männer-Fußball-Weltmeisterschaft ebendort bringen.

Doch dann kamen schon Mitte vergangenen Jahres die Proteste bei der WMGeneralprobe namens Confederations Cup auf und wir entdeckten, dass die BrasilianerInnen ja auch anders sind. Vielleicht in ihrer Mehrzahl fußballverrückt, das ja, aber deshalb noch lange nicht das Hirn ausschaltend.

Der Protestslogan „Spitäler und Schulen nach FIFA-Standard“ wurde zum geflügelten Wort und er drückt vor allem eines aus: Die Brot und Spiele-Taktik der Eliten funktioniert weniger denn je, weil die Menschen zusehends erkennen, dass die glanzvolle Fassade einen Zweck hat: Umverteilung von unten nach oben zu organisieren, indem Steuermilliarden der FIFA und ihren privilegierten Großunternehmen zu enormen Gewinnen verhelfen.

Das Umfeld, in dem diese Proteste groß wurden, wollen wir aufzeigen. Dazu haben wir diesmal verstärkt auf Gastbeiträge von Brasilienkennern gesetzt. Dawid Bartelt von der Böll-Stiftung in Brasilien gibt ein Zustands- und Stimmungsbild des Gastgebers vor dem Großereignis wieder. Der Stadtentwicklungsexperte Christopher Gaffney analysiert die erwähnten Umverteilungsmechanismen, die seine gewählte Heimat gerade verändern. Thomas Fatheuer beschreibt die besondere Bedeutung des Fußballsports im aktuellen WM-Austragungsland und lotet dabei auch das utopische Potenzial des brasilianischen futebol-arte („futschibolahtschi“) aus. Schließlich besprechen wir einige aktuelle Brasilien-Buchtitel für Sie. Dazu finden Sie auch in diesem Heft Beiträge zum zeitgenössischen Geschehen in Lateinamerika. Aufmerksam machen darf ich Sie noch auf die abermalige Beilage eines Probeheftes der deutschen Monatszeitschrift SOZ, die im Gegenzug unseren Werbefolder beilegt und von uns inzwischen regelmäßig Artikel übernimmt. Gern lassen wir Ihnen mehrere unserer Folder zukommen, wenn Sie uns helfen wollen, neue LeserInnen zu gewinnen.

Jürgen Kreuzroither, Schlussredakteur