editorial

Die Nachricht über unmittelbar bevorstehende Verhandlungen zwischen Vertretern der venezolanischen Regierung und der Opposition auf Einladung der norwegischen Regierung, gab Ende Mai Anlass zur Hoffnung. Es scheint, dass sich im Umfeld des selbsternannten „Interimspräsidenten“ Guaidó nach zwei erfolglosen Umsturzversuchen die Einsicht durchgesetzt hat, dass diese  Strategie der gewaltsamen Konfrontation nicht erfolgversprechend ist. Wie der kritische Chavist Edgardo Lander im Interview im Schwerpunkt dieser Ausgabe erklärt, gibt es in dieser Situation nur zwei Möglichkeiten: „entweder eine gewaltsame Eskalation oder eine Lösung durch Verhandlungen“. Für letztere stellt er fest: „An einem Abkommen zwischen beiden Parteien führt kein Weg vorbei“.

In diesem Sinn ist den Verhandlungen ein baldiger erfolgreicher Abschluss zu wünschen. Damit sollte auch ein Ende der aktuellen Sanktionen verbunden sein, wie sie nicht nur die USA, sondern auch einige europäische Staaten verhängt haben. Sie verschlimmern die bereits katastrophalen Lebensbedingungen der Bevölkerung. Ihr muss unsere Solidarität gelten und nicht der Regierung Maduro, die für die aktuell dramatische Situation mitverantwortlich ist. Durch „Autoritarismus, Korruption, Ineffizienz und Privilegien einiger weniger“ (Lander) hat sie der Idee einer sozialistischen Transformation immens geschadet. Raul Zelik, Exponent der europäischen Linken, sekundiert: Die Linke müsse sich „selbstkritisch mit der Tradition des Autoritarismus in ihren Reihen auseinander setzen“.

Die Folgen der venezolanischen Krise bekommen auch Länder wie Kuba, Nicaragua oder Haiti zu spüren, die bisher über das Programm PetroCaribe billiges Erdöl aus Venezuela bezogen hatten, das jetzt immer spärlicher fließt. Wir werfen in diesem Heft einige Schlaglichter auch auf Entwicklungen, die vom venezolanischen Konflikt überschattet werden: die Rolle der Justiz im Vorfeld der Wahlen in Guatemala, die Demontage der Friedensverträge durch Kolumbiens Präsident Duque, die Proteste gegen die Politik von Präsident Bolsonaro in Brasilien ... Anregende Lektüre wünscht
Hermann Klosius.