editorial

Während die Augen der Weltöffentlichkeit angesichts der drohenden russischen Intervention in der Ukraine nach Osten gerichtet sind, droht ein für die westliche Hemisphäre historisches Ereignis aus dem Blick zu geraten: die Amtseinführung des jungen Präsidenten Gabriel Boric in Chile am 11. März. Von ihm erwarten sich viele einen ähnlichen Kurswechsel hin zu einer progressiven Politik wie von Xiomara Castro, die am 27. Jänner in Honduras als erste Frau die Präsidentschaft des Landes übernommen und als eine ihrer ersten Maßnahmen eine Amnestie für politische Gefangene verkündet hat. Die von ihr geplanten Reformen sollen nicht zuletzt den honduranischen Frauen zugutekommen, deren langjähriger Widerstand gegen ein korruptes und repressives Regime wesentlich zu Xiomaras Wahlsieg beigetragen hat.

In dieser Hinsicht erfreuliche Nachrichten erreichten uns kurz vor Drucklegung auch aus Kolumbien, wo das Verfassungsgericht am 21. Februar die Abtreibung bis zur 24. Woche der Schwangerschaft legalisiert hat. Ob dem mit Gustavo Petro und seinem Linksbündnis Pacto Histórico ebenfalls ein Linksschwenk folgen wird, entscheidet sich in den Präsidentschaftswahlen Ende Mai.

Den Ausschlag für die Aussicht auf einen zweiten lateinamerikanischen Frühling werden aber voraussichtlich erst die brasilianischen Präsidentschaftswahlen im Oktober geben, in denen Luiz Inácio Lula da Silva laut aktuellen Umfragen einen Erdrutschsieg gegen Jair Bolsonaro davontragen könnte. Freilich werden die herrschenden Eliten – in Brasilien ebenso wie in Chile oder Honduras – alles in ihrer Macht Stehende tun, um einem grundlegenden Wandel Steine in den Weg zu legen.

Es stehen uns jedenfalls spannende Monate bevor, in denen wir diese zu Hoffnung Anlass gebenden Entwicklungen verfolgen werden, damit sie angesichts bedrohlicher Ereignisse in unserer Nachbarschaft nicht unbeachtet bleiben. Einen Niederschlag hat diese Aufbruchsstimmung bereits in der neuen, luftigeren Gestaltung der Zeitschrift durch Raphael Reichl gefunden. Hoffentlich trägt sie zu einer nicht nur inhaltlich, sondern auch optisch anregenden Lektüre bei.

Hermann Klosius