editorial

Auch in Lateinamerika greifen Anspannung und Zukunftspessimismus um sich: Das hat wenig mit dem – lange erwarteten – Dahinscheiden von Revolutionsikone Fidel Castro, aber viel mit dem Präsidentenwechsel in den USA zu tun. Es gibt aber auch hausgemachte Ursachen: Der aktuell fortschreitenden Aufdeckung von teils länderübergreifenden Korruptionsnetzwerken begegnet die informierte Öffentlichkeit des Subkontinents mit einem eher verhaltenen Aufschrei. Die vielfache Resignation mag mit der schieren Größe, dem zu erahnenden systemischen Charakter und dem Eingebettetsein in die unregulierte Globalisierung (Steueroasen) zu erklären sein. Dazu kommt noch der Eindruck einer oft innenpolitischen Instrumentalisierung im Zusammenhang mit der laufenden Rechtswende auf dem Subkontinent sowie der Verdacht, dass Uncle Sam mitmischt, um durch gezielte Aufdeckungen US-Unternehmen Wettbewerbsvorteile zu verschaffen und Auslandkapital anzuziehen – dafür stehen eine Reihe US-interner Steueroasen bereit.

Alle drei angeschnittenen Themen, der Abgang des Máximo Líder, mögliche Folgen der Umtriebe von „The Donald“ auf die Beziehungen zu Lateinamerika und Korruption im Verhältnis Politik–Wirtschaft werden in dieser Ausgabe ausführlich behandelt – letztgenanntes gleich in Form des aktuellen Schwerpunkts.

Darüber hinaus führt Caroline Kim anhand der Verfolgung einer führenden Aktivistin das Rechtsstaatsverständnis der argentinischen Regierung vor. Tobias Lambert schildert die jüngsten Runden im venezolanischen Machtkampf und Raina Zimmering beleuchtet die angekündigte indigene Kandidatur bei den nächsten Präsidentschaftswahlen in Mexiko.

Der überarbeitete Friedensvertrag für Kolumbien wird von Peter Musch vorgestellt. Bolivien ist gleich doppelt vertreten: Robert Lessmann berichtet von der trotz Verfassungsverbot und abschlägigem Volksentscheid betriebenen Kandidatur Evo Morales‘ für eine vierte Amtszeit und Eny Angenvoort über die Selbstorganisation von arbeitenden Kindern und Jugendlichen.

Spannende und informative Lektüre wünscht Jürgen Kreuzroither.