Wer ist der neue Präsident?

Wer ist der neue Präsident?

Finanzminister erfreuen sich selten großer Beliebtheit. Das war auch bei Luis Arce Catacoro so, der Evo Morales zwölf Jahre als Minister für Finanzen und einige Jahre auch als Wirtschaftsminister diente. Der Mann, der wenig im Rampenlicht stand, war aber eine der Schlüsselfiguren der reformistischen MAS-Regierungen und gilt als Vater des Wirtschaftswunders, das einen großen Teil der bolivianischen Bevölkerung aus der Armut katapultiert hat.

Von Ralf Leonhard

Der 1963 in La Paz geborene Ökonom mit einem Master of Economics von der englischen University of Warwick passt auf den ersten Blick so gar nicht in das Schema der Sozialreformer um den charismatischen Anführer der Kokabauern-Gewerkschaft. Allerdings ist er keineswegs mit dem goldenen Löffel aufgezogen worden. Seine Eltern verdienten karge Gehälter als Lehrer an öffentlichen Schulen. In der eigenen Schulzeit fragte er sich, warum in einem Land, das mit so reichen Ressourcen gesegnet ist, so viele Menschen in Armut leben müssen. Später sollte er diese Frage als Motiv für seine Berufswahl sehen. Er erwarb eine Lizenziatur an der staatlichen Universidad Mayor de San Andrés (UMSA) in La Paz, bevor er mit einem Stipendium nach England ging. Schon als Student definierte sich Arce als Sozialist und trat der 1971 gegründeten Sozialistischen Partei Boliviens (PSB) bei. Deren Gründer Marcelo Quiroga Santacruz, Jurist, Philosoph und Politiker, der von den Diktaturen der 1960er und 1970er Jahre verfolgt, ins Exil getrieben und eingesperrt wurde, nennt Arce als sein großes Vorbild. Quiroga wurde 1980 während des blutigen Staatsstreichs von Luis García Meza ermordet.

Nach dem Studium trat Arce in den Dienst der Bolivianischen Nationalbank, wo er 19 Jahre lang eine Abfolge von Regierungen unterschiedlicher ideologischer Ausrichtung erlebte. Seine damals immer wieder geübte Systemkritik drang wenig an die Öffentlichkeit. Ende der 90er Jahre, als der Neoliberalismus sich in fast ganz Lateinamerika als herrschende Doktrin durchgesetzt hatte, gründete Arce mit anderen Mitgliedern der inzwischen aufgelösten PSB den Debattenzirkel Los Duendes (die Heinzelmännchen), in dem die wirtschaftliche Umgestaltung des Landes diskutiert wurde. „Unsere erste Herausforderung war zu zeigen, dass wir Linke die Wirtschaft besser gestalten konnten als die Rechte“, wird Arce 2014 im konservativen Wall Street Journal zitiert. Bei den Duendes lernte Arce auch den späteren Vizepräsidenten Álvaro García Linera kennen, der ihn einlud, gemeinsam am Regierungsprogramm von Morales zu arbeiten.

Der neue Präsident: Luis Arce Catacoro | Foto: Freddy Zarco

Dass Evo Morales Luis Arce 2006 in seine Regierung holte, wurde als Signal der Kontinuität interpretiert. Während Morales und viele seiner Mitstreiter der Regierungspartei Bewegung zum Sozialismus (MAS) den Übergang zu einer sozialistischen Gesellschaft ungestüm angehen wollten, hielt sich Arce lieber an Karl Marx, der die Entwicklung der Produktivkräfte als Voraussetzung für eine sozialistische Transformation postulierte. „Daran arbeiten wir“, sagte Arce. Die Verstaatlichung der Erdöl- und Erdgasreserven und die hohe Besteuerung der ausländischen Unternehmen, die diese ausbeuteten, war der erste wichtige Schritt. Von der Verdoppelung der Gehälter der Staatsbeamten und der Beschlagnahme der Aktiva ausländischer Erdgasgesellschaften gleich im ersten Regierungsjahr konnte er Morales abhalten.

2011 präsentierte Arce das Nuevo Modelo Económico, Social, Comunitario y Productivo: „Das ist ein Modell des Übergangs zum Sozialismus, in dem viele soziale Probleme schrittweise gelöst und die wirtschaftlichen Grundlagen für eine angemessene Verteilung der Überschüsse konsolidiert werden“. Ein Kernelement des Modells bestand in der Schaffung und Stärkung von leistungsfähigen Staatskonzernen in Bereichen wie Rohstoffe, Energie, Telekommunikation und Luftverkehr. Die Gewinne daraus wurden für den Ausbau der Grundversorgung der Bevölkerung und die Förderung von genossenschaftlich organisierten Kleinunternehmern, insbesondere unter der Landbevölkerung, eingesetzt. Gleichzeitig versuchte man, die Rohstoffabhängigkeit zu senken, die inländische Wertschöpfung zu steigern und wissenschaftliche Kapazitäten aufzubauen. Das gelang nur zum Teil, vor allem, was den Anteil der Rohstoffe an den Exporten betrifft.

Bolivien erlebte in der Folge einen Boom, der nicht nur ein durchschnittliches Wirtschaftswachstum von 4,9 Prozent jährlich auslöste, sondern auch die Armut um 42 Prozent und die extreme Armut um 60 Prozent schrumpfen ließ. Dass auch die Mittelkasse profitierte, bescherte dem Land ein Jahrzehnt relativer politischer Stabilität und Evo Morales zwei weitere Wahlsiege. Als sich Arce 2017 aus gesundheitlichen Gründen für 18 Monate aus der Politik zurückzog, begann eine durch den Verfall der Rohstoffpreise bedingte Krise, die das Verteilungsmodell in Frage stellte.

Nach den umstrittenen Wahlen vom Oktober 2019 folgte Arce seinem Chef Evo Morales zunächst ins Exil nach Mexiko und später Argentinien, wo er bei internen Wahlen der MAS zum Präsidentschaftskandidaten für 2020 bestimmt wurde. Er werde nur für eine Amtszeit zur Verfügung stehen, sagte der an einer Krebserkrankung laborierende Präsident. Am 8. November 2020 in das höchste Amt des Plurinationalen Staates eingeführt, gibt er weiterhin nebenbei Klassen an der UMSA.