Peru: Chronologie einer (abwendbaren?) Katastrophe

Peru: Chronologie einer (abwendbaren?) Katastrophe

 

Peru war das erste Land Lateinamerikas, das den Ausnahmezustand verhängte und eine Quarantäne anordnete. Dennoch steigt die Zahl der Infizierten kontinuierlich weiter an. Seit am 6. März der erste bestätigte Fall von Covid-19 bekannt gegeben wurde, hat die Zahl der Infektionen bis zum 2. Juni die 170.000-Marke überschritten1. In Lateinamerika liegt Peru somit diesbezüglich hinter Brasilien an zweiter Stelle.

Von Eny Angenvoort

Dabei hatte das Jahr seitens der Regierung gerade in puncto Gesundheitsversorgung mit guten Vorsätzen begonnen. So bekam am 9. Jänner das Jahr 2020 – einer seit 1963 bestehenden peruanischen Regierungstradition folgend – den Beinamen „Jahr der Universalität der Gesundheit“, um das Ziel der Regierung zu verdeutlichen, das Gesundheitssystem im Lande auszubauen und allen PeruanerInnen zugänglich zu machen. Der Zustand, in dem sich das Gesundheitssystem zu diesem Zeitpunkt befand, bedurfte viel mehr als einer Leitparole, denn seine Krise ist keine neue Herausforderung. Seit Jahren führen geringe Investitionen (5,5% des BIP) und Missmanagement der verfügbaren Ressourcen zu einer ineffizienten Gesundheitsversorgung der Bevölkerung: prekär ausgestattete Krankenhäuser, überfüllte Einrichtungen, in denen keine Notfallausrüstung vorhanden ist, Patienten, die im Rollstuhl und sogar auf dem Boden schlafen, Wartezeiten von bis zu zwei Stunden, um bestenfalls 15 Minuten Behandlung zu erhalten.

Hinzu kommt, dass das Gesundheitssystem dezentral von fünf Trägern – dem Gesundheitsministerium (MINSA), der Sozialversicherung Perus (EsSalud), den Streitkräften, der Nationalen Polizei und dem Privatsektor – gesteuert wird, welche nicht koordiniert agieren und häufig überlappende Aufgaben ausführen. Auf jeden Arzt kommen drei Verwaltungsangestellte des Gesundheitswesens, während es je 10.000 Einwohner 12,8 Ärzte und insgesamt 17,8 Angehörige des medizinischen Personals gibt und knapp 16 stationäre Betten zur Verfügung stehen. Hinzu kommt eine ungleiche geografische Verteilung der Beschäftigten im Gesundheitswesen. Lima und die Küstengebiete weisen die höchsten Dichten medizinischen Personals auf, während die niedrigsten in den Gebieten Piura, Lambayeque und Loreto zu verzeichnen sind.

Noch im Jänner, kurz nach Ankündigung des offiziellen Jahresmottos und damit des Vorhabens der Regierung, das Gesundheitssystem universell zugänglich zu machen, nahm das Leben in Peru seinen gewohnten Lauf: Es war Sommer, die Kinder hatten Schulferien und – wie jedes Jahr – wurden starke Regen und Überschwemmungen in verschiedenen Regionen, insbesondere im Norden, erwartet. Am 26. Jänner fanden die ursprünglich für April 2021 vorgesehenen Parlaments- und Präsidentschaftswahlen statt. Martín Vizcarra

Frauentag auf dem Markt | Foto: © Patricia Tuero

blieb Präsident, jedoch ohne auf eine Mehrheit im Parlament zählen zu können, und die rechtspopulistische Oppositionspolitikerin Keiko Fujimori wurde erneut in Untersuchungshaft genommen. Beide Ereignisse stehen in direktem Zusammenhang mit einer Reihe von Korruptionsprozessen, die Peru seit Jahren beschäftigen.

Vor diesem Hintergrund häuften sich indessen in den Medien die Nachrichten und Bilder aus China über die neu aufgetretene Atemwegserkrankung COVID-19: Am 30. Jänner rief die Weltgesundheitsorganisation (WHO) die internationale Gesundheitsnotlage aus, und bald darauf folgten alarmierende Bilder aus Europa, die von den PeruanerInnen mit einer Mischung aus Interesse, Neugier und Sorge wahrgenommen wurden. Die Tatsache, dass die peruanische Tourismusindustrie jährlich Umsätze von mittlerweile vier Milliarden Euro (2,2 % des BIP) erzeugt und ca. vier Millionen Touristen ins Land bringt, entpuppte sich in diesen Tagen für viele Einheimische als potentielles Einfallstor für eine Ausbreitung des Virus. So kam es, dass bereits im Februar in den sozialen Medien Warnungen und Verschwörungstheorien kursierten und Ausländer misstrauisch beäugt wurden.

Anfang März hatte sich das Virus bereits in den Nachbarländern Ecuador, Brasilien, Argentinien und Chile bemerkbar gemacht und am Abend des 6. März gab Präsident Martín Vizcarra den ersten bestätigten Covid-19-Fall in Peru bekannt. Bei Patient 0 handelte es sich um einen 25-jährigen Peruaner, der sich als Pilot in Spanien, Frankreich und in der Tschechischen Republik aufgehalten hatte. An jenem Abend verkündete der Präsident weitreichende Maßnahmen. Sie sollten unter Federführung des Gesundheitsministeriums in Zusammenarbeit mit den anderen Trägern des peruanischen Gesundheitssystems durchgeführt werden. Die aus Überwachungs-, Eindämmungs- und Reaktionsmaßnahmen bestehende Strategie sah Präventionsprotokolle an Flughäfen, Häfen, Bus- und Bahnhöfen sowie an von Touristen stark frequentierten Orten vor. Zudem wurde versichert, die Versorgung mit Materialien für die Infektionskontrolle, die Einrichtung von Isolationsumgebungen sowie die Erhöhung der Kapazitäten von medizinischem Personal würden gewährleistet werden. Abschließend rief der Präsident in seiner Fernsehansprache zu Besonnenheit und Solidarität auf. Man solle sich an die Präventionsmaßnahmen halten und den Institutionen und dem Gesundheitssystem vertrauen.

Frühe und strenge Maßnahmen

Neun Tage später, das Land zählt 43 Infizierte, verhängt Peru als erstes Land in der Region den Ausnahmezustand für eine Periode von zunächst 15 Tagen. Die Maßnahme beinhaltet die „obligatorische soziale Isolation für alle“, eine  Ausgangssperre, ein Fahrverbot und die Schließung der Grenzen. Außerdem sind während des Ausnahmezustands verfassungsmäßige Rechte in Bezug auf die persönliche Freiheit und Sicherheit, die Unverletzlichkeit des Wohnsitzes und die Versammlungs- und Transitfreiheit im Staatsgebiet eingeschränkt. Die Bevölkerung ist angehalten, Aufforderungen von Polizei und Militär zu befolgen. Zugleich dürfen Polizei und Militär unter Einhaltung bestimmter Regeln Gewalt anwenden. Insbesondere werden die Nicht-Einhaltung der Ausgangssperre oder das Nicht-Mitführen eines Passierscheins streng sanktioniert. Die Ausgangssperre gilt in ganz Peru von 18 bis 5 Uhr, in den besonders betroffenen Departements La Libertad, Loreto, Tumbes und Lambayeque von 16 bis 5 Uhr.

Generell darf man sich nur auf die Straße begeben, um Lebensmittel und pharmazeutische Produkte zu kaufen oder Banken aufzusuchen. Vor den Märkten bilden sich lange Schlangen, da versucht wird, Abstand zu halten und oft der Einlass nur einzeln gestattet wird. Lebensmittel sind reichlich vorhanden, aber teurer als sonst.

Rückkehrer-unterwegs | Foto: © Patricia Tuero

Die öffentlichen Transportmittel sind zwar im Einsatz, jedoch muss mit langen Wartezeiten gerechnet werden. Bei Verletzung der Ausgangsperre reichen die Sanktionen von Bußgeldern zwischen 86 und 430 Soles (23 und 115 Euro) bis hin zu Gefängnisstrafen. Angesichts der Situation in den Krankenhäusern und der Strukturschwächen des Gesundheitssystems scheinen Prävention und Eindämmung die einzige Hoffnung zu sein.

Aufgrund der hohen Verbreitung von Mobiltelefonie in der Bevölkerung und ca. zehn Millionen aktiven Smartphone-Nutzern boomen die Einträge in den sozialen Medien. Videos von polizeilichen Gewaltexzessen auf offener Straße machen die Runde, ebenso wie solche von den „ignoranten“ Cholos und Indigenen, die sich auf Märkten drängen und sich angeblich mehrheitlich nicht an die Maßnahmen halten. Beliebt sind auch Verschwörungstheorien und – wie seit Jahren verbreitet – fremdenfeindliche Parolen gegen die ca. 860.000 MigrantInnen aus Venezuela, die sich zu Krisenzeiten angeblich erst recht vom peruanischen Staat „aushalten“ ließen.

Dazu kommen nicht gerade politisch korrekte Kommentare gegen das Handeln der Regierung und immer wieder Bilder, die vom schwarzen peruanischen Humor zeugen: Der Spruch „COVID-19: Endlich ein Import aus China, der lange hält“ findet sich angesichts der in Peru bekannten kurzen Nutzungsdauer vieler chinesischer Produkte oft in den sozialen Medien.

Als Anfang April die Zahl der Infizierten rasant zunimmt, werden am 3. April Maskenpflicht und die Geschlechtertrennung für den Lebensmittel- und Medikamenteneinkauf eingeführt. Demnach dürfen Männer montags, mittwochs und freitags ausgehen, Frauen dienstags, donnerstags und samstags. Sonntags darf niemand mehr auf die Straße. Sieben Tage später wird die Trennung nach Geschlechtern jedoch aufgehoben, nachdem auf Märkten an den für Frauen vorgesehenen Tagen große Menschenansammlungen und Fälle der Diskriminierung von Transgender-Personen registriert wurden. Seither darf nur eine Person pro Haushalt einkaufen gehen. Doch die Zahl der Infizierten steigt kontinuierlich weiter. Am 8. April wird die Verlängerung des Ausnahmezustands um 14 Tage bis Sonntag 26. April bekannt gegeben.

Löchriger Rettungsring?

Am 14. April stellt der Präsident das größte Rettungspaket Lateinamerikas für die nationale Wirtschaft vor, um den Auswirkungen der Coronavirus-Krise entgegenzuwirken. Vorerst handelt es sich um über 25 Milliarden US-Dollar, was 12 % des BIP entspricht. Damit werden unter anderem eine Reihe von Boni für erfasste bedürftige Menschen sowie staatliche Lohnzuschüsse für Unternehmer finanziert. Allerdings ist fraglich, ob die Boni tatsächlich die bedürftigen Menschen erreicht haben oder erreichen werden. Denn einerseits muss der Bonusempfänger überhaupt offiziell erfasst sein,  andererseits ist Korruption in Peru ohnehin die am weitesten verbreitete Krankheit. Am 18. April wird bekanntgegeben, dass die Schulen voraussichtlich bis Jahresende geschlossen bleiben und der Schulbetrieb als Fernunterricht aufrechterhalten wird. Dafür sollen von der Regierung 840.000 Tablets angeschafft werden, um diese unter den Kindern mit geringen Ressourcen zu verteilen.

Im Laufe des Aprils steigen die Infektionszahlen explosionsartig. Vorangegangen ist dem eine regelrechte „soziale Bombe“, die bereits seit Anfang der Quarantäne tickte, obwohl ihre Zusammensetzung längst bekannt ist: Es handelt sich um die ca. 12 Millionen Erwerbstätigen des informellen Sektors (Tagelöhner, fliegende Händler), die schon vor der Krise über keinerlei finanzielle Stabilität und Arbeitsrechte verfügten und sich jetzt ihren Lebensunterhalt nicht mehr verdienen können. Sie bezahlen zwar keine Steuern, erwirtschaften jedoch 18,6% des BIP. Sie kommen meist aus ländlichen Regionen in die Ballungszentren der Küste, insbesondere nach Lima, und wohnen in den Armenvierteln auf wenigen Quadratmetern. Dazu gesellen sich 90% der MigrantInnen aus Venezuela, die sich ebenfalls als fliegende Händler verdingen, oder ohne Arbeitsvertrag arbeiten. Da sie alle von der Hand in den Mund leben müssen, treibt es sie immer wieder auf die Straße und in manchen Fällen sogar dazu, sich auf beschwerliche Märsche in ihre andinen Heimatregionen oder – wie viele Venezolaner – in ihr Heimatland zu begeben. Hinzu kommen weitere Ansteckungsherde wie die maßlos überfüllten Gefängnisse, in denen bestätigte COVID-19-Fälle jüngst zu Revolten führten, und die Lebensmittelmärkte, auf denen in Stichproben immer mehr Menschen positiv getestet werden.

Am 23. April wird verkündet, dass die obligatorische soziale Isolation und die Ausgangssperre bis zum 10. Mai verlängert werden. Das Durchhaltevermögen der sonst auf Kollektivität setzenden PeruanerInnen wird auf eine harte Probe gestellt. In den sozialen Medien werden Infektionen und Todesopfer unter den Gefangenen als „gerechte Strafe“ für ihre Taten bezeichnet. Unmut und Ungeduld machen sich angesichts der angestiegenen Zahlen immer mehr breit.

Am 2. Mai werden endlich Lockerungsmaßnahmen angekündigt. Sie bestehen aus einem Vier-Phasen-Plan, in dessen Rahmen die Wirtschaft und das öffentliche Leben zwischen Mai und August sukzessive aktiviert werden sollen. Am 8. Mai (Tag 54 der Quarantäne, 58.526 Infizierte) wird der Ausnahmezustand erneut verlängert, diesmal bis zum 24. Mai, allerdings mit einigen Lockerungen. Die neue Ausganssperre beginnt jetzt um 20:00 Uhr. Ab dem 18. Mai dürfen sich Kinder bis 14 Jahre in Begleitung eines Erwachsenen täglich 30 Minuten bis 500 Meter von der Wohnung entfernen.

Stand Mitte Mai: 80.604 Infizierte, 2.267 Tote. Lima, Callao, Lambayeque, Loreto, Piura und La Libertad verzeichnen nach wie vor die höchsten Opferzahlen. Der Kampf gegen die Pandemie verlängert sich mit hohen Kosten für Gesellschaft und Wirtschaft und das große Opfer, das immer noch erbracht wird, droht seine Symbolkraft zu verlieren, weil die Zahl der Infizierten immer weiter steigt. Dennoch gilt es weiterhin, sich den Herausforderungen zu stellen, die noch zu überwinden sind. Die PeruanerInnen können es schaffen, sie haben im Lauf ihrer Geschichte schon manches geschafft.

 

Die Autorin hat an der Universität zu Köln Regionalstudien Lateinamerika studiert. Durch ihre peruanische Herkunft pflegt sie vielfältige Kontakte nach Lateinamerika und befasst sich insbesondere mit den politischen und sozialen Entwicklungen in Peru.

 

1 Die Zahl der Opfer des Virus betrug am 2. Juni 4.634. Laut Modellprojektion eines Washingtoner Universitätsinstituts könnte sie bis Anfang August auf 20.000 ansteigen.