Kolumbien: Ein Blumenstrauß mit eigenem Glanz

Kolumbien: Ein Blumenstrauß mit eigenem Glanz

 

Wenn es im kolumbianischen Präsidentschaftswahlkampf eine überraschende Erscheinung gibt, dann ist es Francia Márquez. Die 40jährige afrokolumbianische Umweltaktivistin wurde vom aussichtsreichsten Amtsanwärter Gustavo Petro zur Kandidatin für die Vizepräsidentschaft ernannt.

Von Ralf Leonhard

In Kolumbien stehen die Zeichen auf politischen Wandel. Niemand zweifelt daran, dass Gustavo Petro, der 62jährige Ökonom und Ex-Guerillero des M19, bei den Wahlen vom 29. Mai die meisten Stimmen bekommen wird. Ein Sieg in der Stichwahl ist möglich. Mit seinem Bündnis Pacto Histórico hat er bei den Parlamentswahlen am 13. März die meisten Abgeordnetenmandate und Senatoren gewinnen können. Alle Umfragen bescheinigen ihm einen gewaltigen Vorsprung vor Federico „Fico“ Gutiérrez, Ex-Bürgermeister der Millionenstadt Medellín und der Mann, der von den Rechtsparteien unterstützt wird und für das gegenwärtige System steht. Bei Vorwahlen, die gleichzeitig mit der Abstimmung über die Parlamentssitze stattfanden, hat Petro mit 4,5 Millionen Stimmen oder 80 Prozent ein eindeutiges Mandat seines Bündnisses bekommen. Aber Francia Márquez landete mit 800.000 Stimmen einen Achtungserfolg.

Petro hat zwar eine Vergangenheit als Guerillero, aber als Bürgermeister von Bogotá auch reichlich Erfahrung in der Spitzenpolitik und erreichte 2018 die Stichwahl um die Präsidentschaft. Francia Márquez gehört zu einer Minderheit, die bisher nur auf kommunaler Ebene präsent war. 1981 in der afrokolumbianischen Gemeinde Suárez, Departamento Cauca, geboren, war sie von Kind an mit den Geißeln des Drogenhandels, des illegalen Bergbaus und des bewaffneten Konflikts konfrontiert. Wie viele Mädchen ihres sozialen Hintergrunds verdingte sie sich als Dienstmädchen bei einer Oberschichtsfamilie in der Metropole Cali. Durch eisernes Sparen konnte sie genug auf die Seite legen, um an der Universidad Santiago de Cali Jus zu inskribieren und zu promovieren.

Schon mit 13 Jahren war Márquez gegen ein Staudammprojekt aufgetreten. 2014 führte sie einen Marsch von 80 Frauen über 600 Kilometer in die Hauptstadt Bogotá an, um gegen den illegalen Goldabbau in ihrer Heimatregion zu protestieren. Mit Erfolg: Die Regierung ließ die Goldgräber in den folgenden zwei Jahren vertreiben. Márquez bekam 2018 den Goldman Environmental Award verliehen. Das ist so etwas wie der Nobelpreis für Umweltaktivist:innen.

Wahlkampf-Sujet auf Francias Facebookseite

Zu ihrer Popularität in Kolumbien hat das kaum beigetragen. Als sie sich 2018 im Alleingang um einen Parlamentssitz bewarb, scheiterte sie krachend. Inzwischen gehört sie zu den bekanntesten Persönlichkeiten in der Politik. Ein gescheitertes Attentat auf ihr Leben bei einem Treffen mit führenden Indigenen und Menschenrechtsaktivist:innen am 4. Mai 2019 beweist, dass ihre Positionen von demokratiefeindlichen Gruppen als Bedrohung wahrgenommen werden.

Nach Daten des Instituts für Entwicklungsstudien und Frieden (Indepaz), sind bis 19. April allein in diesem Jahr 52 Anführer:innen von sozialen Organisationen in Kolumbien ermordet worden. Seit Unterzeichnung des Friedensvertrags mit den FARC im August 2016 sind es 1331. Dazu kommen 313 demobilisierte Guerilleros.

Obwohl sie als erste ihre Kandidatur für die Präsidentschaftswahlen bekannt gemacht hat, wurde die Feministin und Afro-Aktivistin anfangs nicht zu den TV-Debatten eingeladen. Erst als Gustavo Petro seine Teilnahme verweigerte, wenn sie nicht berücksichtigt würde, kam auch sie erstmals vor einem überregionalen Forum zu Wort. Und das Fernsehpublikum bekam eine hochgebildete Frau zu sehen, die in gesetzten, aber energischen Worten für Umwelt, Frauenrechte, Menschenrechte und gegen soziale Ungleichheit eintrat. Rassistische Aggressionen prallten an ihr ab, für jede These brachte sie überzeugende Argumente. Seither sind Menschenrechte, Menschenwürde und häusliche Gewalt ein Thema im Wahlkampf.

Francia Márquez hat die Bewegung Soy porque somos – „Ich bin, weil wir sind“ – gegründet. Der Grundgedanke fußt auf dem afrikanischen Gemeinschaftsdenken Ubuntu, das die Existenz des Individuums aus dem Kollektiv ableitet. Gleichzeitig sieht sie sich dem Guten Leben verpflichtet, dem andinen Sumak Kawsay, das den Daseinszweck nicht in möglichst viel Konsum oder dem Anhäufen von Gütern sieht, sondern in einem erfüllten Leben im Gleichgewicht mit der Natur. Bei ihr heißt das: Vivir sabroso – das Leben genießen!

„Ich beschreite diesen Weg für die Frauen, die keine Stimme haben, und damit die Frauen, die jetzt auf Knien leben, wieder aufrecht gehen können“, sagt die Kandidatin. So eine Persönlichkeit polarisiert. Die Hass-Postings in den sozialen Medien sind ungezählt. Auch Prominente, wie die populäre Sängerin Marbelle, lassen sich zu rassistischen Tweets hinreißen. Marbelle nannte Márquez angewidert über die Anmaßung einer schwarzen Unterschichtsfrau „King Kong“. Juan Diego Gómez, der konservative Senatspräsident, warf ihr Verbindungen zur Guerilla ELN vor und konnte dafür nicht mehr an Beweisen liefern, als dass die Rebellen ihre Kandidatur öffentlich unterstützen.

Francia Márquez pflegt auch auf Hassbotschaften mit versöhnlichen Gesten zu antworten und beschämt damit die Aggressoren. Marbelle schickte sie eine „Umarmung der Urahnen“ und die Botschaft: „Rassismus tötet.“ In vielen Medien steht sie inzwischen hoch im Kurs. Für den Wahlkampf von Gustavo Petro sei sie nicht einfach ein nettes Dekorstück, sondern „ein Blumenstrauß mit eigenem Glanz“. Sie besetzt Themen, bei denen der Spitzenkandidat traditionell schwächelt, etwa Frauenrechte. Und sie wirkt wie ein Magnet nicht nur auf Feministinnen und Intellektuelle, sondern auch auf viele Frauen, die wie sie aus ärmlichsten Verhältnissen kommen und ohne sie vielleicht nicht zur Wahl gegangen wären.Text