Haiti: Ein Land im Würgegriff krimineller Banden

Haiti: Ein Land im Würgegriff krimineller Banden

 

Goudou Goudou, dieses lautmalerische Wort aus der Kreolsprache, haben die Menschen in Haiti 2010 erfunden, um die verheerendste Naturkatastrophe in der Geschichte Lateinamerikas zu umschreiben: 316.000 kamen bei dem schweren Erdbeben an jenem 12. Januar ums Leben, Hunderttausende wurden verletzt und mindestens 1,8 Millionen verloren ihr Zuhause. Erholt hat sich der bitterarme Karibikstaat von dieser entsetzlichen Tragödie bis heute nicht. Als am 14. August 2021 die Erde erneut mit heftiger Intensität bebte (mit 7.2 auf der Richterskala), war der 2010 durchlittene Albtraum sofort wieder präsent.

Von Jürgen Schübelin

Doch diesmal hatte es den grünen Südwesten der Insel Hispaniola, ein ländliches, deutlich dünner besiedeltes Gebiet, getroffen. Über 2.200 Menschen starben, 12.700 wurden verletzt. In den beiden größten Städten der Region, Les Cayes und Jérémie sowie in ihrer Umgebung, wurden tausende Gebäude und wichtige Infrastruktur zerstört. Und als zwei Tage später das tropische Tief Grace genau diese Landschaft mit sintflutartigen Regenfällen heimsuchte, Überschwemmungen und Erdrutsche auslöste, war die Verzweiflung der Menschen mit Händen zu greifen: „Es gibt nichts mehr zu essen, die Gärten und Felder sind zerstört und die meisten Nutztiere verendet“, berichtete der Entwicklungshelfer Reinhard Schaller damals in einem Telefongespräch aus Les Cayes. Ein Jahr danach verläuft der Wiederaufbau nur sehr schleppend.

Der Berufsschullehrer und gelernte Schlossermeister Reinhard Schaller, der mit seiner Frau Ulrike, einer Physiotherapeutin, seit 1998 im Südwesten Haitis lebt und unter anderem im kirchlichen Berufsbildungszentrum Centre de Développment Sur la Côte Sud d’Haïti (CDCSH) in Port-à-Piment arbeitet, kommt ohne Umschweife auf die zentralen Probleme zu sprechen: „Es ist ungeheuer schwer, Baumaterial zu beschaffen. Und die Preise liegen mehr als doppelt so hoch wie noch vor einem Jahr.“ Die Hauptursache dafür sieht er darin, dass Haitis Südwesten de facto vom Rest des Landes abgeschnitten ist, seit schwer bewaffnete Gangs die Kontrolle der Route Nationale 2 (RN-2) bei Martissant, einem Stadtbezirk an der Peripherie der Hauptstadt Port-au-Prince, übernommen haben. Sie plündern Lastwagen, erpressen Maut-Zahlungen, haben sogar ganze Tanklastzüge entführt, zwischenzeitlich den Polizeiposten von Martissant unter ihre Kontrolle gebracht.

Belagerungszustand

Der Busverkehr zwischen der Hauptstadt und dem Südwesten kam praktisch zum Erliegen. Wer es sich leisten kann, nutzt lokale Fluglinien, um von Port-au-Prince nach Les Cayes oder Jérémie zu kommen. Und weil in Haiti nur sehr wenige Küstenmotorschiffe existieren, ist eine Versorgung der Menschen auf dem Seeweg kaum zu bewerkstelligen. An den Tankstellen gibt es nur noch unregelmäßig Treibstoff – und wenn, dann zu Mondpreisen. Zumindest einen positiven Effekt sehen Ulrike und Reinhard Schaller bei alledem: Weil die Lebensmittelpreise derart in die Höhe geschossen sind, bauen die Menschen, wo immer es möglich ist, Gemüse und Früchte an, weil sich die Erzeugung und der Verkauf von allem, was nicht für die Ernährung der eigenen Familie benötigt wird, wieder lohnt. Trotzdem wachsen Verzweiflung und Wut auf die Regierung, die die Menschen für den Terror der Gangs mitverantwortlich machen: Immer wieder kommt es zu Streiks und heftigen Protesten.

200 km nordöstlich, in der Hauptstadt Port-au-Prince, beschreibt Pierre-Hugue Augustin, Sozialwissenschaftler und Leiter von Kindernothilfe (KNH) Haiti, die Lage als katastrophal: „Das Erdbeben vor einem Jahr – und die ausgebliebene Hilfe für die Betroffenen – waren wie der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Jeden Tag denken wir, dass es nicht noch schlimmer kommen kann. Aber dann erreicht uns gleich die nächste Hiobsbotschaft.“

Durch den Bandenkrieg Vertriebene fanden in Tabarré Zuflucht; © Johnson Sabin, EFE

Am allermeisten leiden die Menschen unter der Terrorherrschaft, die die Gangsterbanden etabliert haben. Geschätzt 40 Prozent der Fläche der Hauptstadt stehen mittlerweile unter ihrer Kontrolle. Menschenrechtsorganisationen sprechen von 200 verschiedenen kriminellen Gruppen. „Das ist wie ein Belagerungsring, der da um uns herum gezogen wurde und den Menschen dieser 1,5 Millionen-Stadt die Luft abschnürt“, sagt Augustin. Sämtliche Ausfallstraßen sind in der Hand von bis an die Zähne bewaffneten Gangs, die sich untereinander blutige Kämpfe um die Macht in den Vierteln liefern. Akribisch listet das nationale haitianische Netzwerk zur Verteidigung der Menschenrechte (RNDDH) die Zahl derjenigen auf, die diesen Blutrausch mit dem Leben bezahlen: Demnach starben allein seit 2018 über 3.500 Menschen als Folge von Gewaltverbrechen.

Küngelei zwischen Politik und Gangs

Die UN-Menschenrechtskommissarin Michelle Bachelet sagte Ende Mai: „Die bewaffnete Gewalt hat in Haiti ein derart unvorstellbares Ausmaß erreicht, das auf keinen Fall weiter hinnehmbar ist.“ Was sie nicht erwähnt, bemängelt Pierre-Hugue Augustin, ist die enge personelle Verzahnung zwischen der haitianischen Politikelite und dem organisierten Verbrechen. Mehrere Anführer der berüchtigsten Banden haben eine einschlägige Vergangenheit in der haitianischen Polizei hinter sich – oder waren Personenschützer unter Haitis früherem Präsidenten Michel „Sweet“ Martelly oder von dessen am 7. Juli 2021 von einem Killerkommando ermordeten Nachfolger Jovenel Moïse.

Die Hintergründe dieser Tat sind bis heute nicht aufgeklärt. Bislang bekannt gewordene Untersuchungsergebnisse – auch der US-Justiz – erhärteten jedoch den Verdacht, dass es bei diesem Auftragsmord um einen Konflikt innerhalb des organisierten Verbrechens ging, um die Kontrolle über den Drogen- und Waffenhandel, für den der kleine Karibikstaat immer mehr zur regionalen Drehscheibe geworden ist – unter Beteiligung von Regierungsmitgliedern und Figuren aus dem Umfeld von Moïses Vorgänger Martelly. Seit dem tödlichen Anschlag vom Juli 2021 wird Haiti von einer extrem schwachen, fragmentierten und nicht durch Wahlen legitimierten Übergangsregierung geführt, die dem Terror der Banden nichts entgegenzusetzen hat.

Cité Soleil, ein inzwischen von Banden kontrolliertes Armenviertel in Port-au-Prince © Jürgen Schübelin

Neben Schutzgelderpressungen und Drogenhandel gehören vor allem Entführungen zum Geschäftsmodell der Gangs: Um die 1.000 Kidnapping-Fälle gab es im vergangenen Jahr, Tendenz steigend. „Dabei fallen“, so Pierre-Hugue Augustin, „auch die letzten Hemmschwellen: Zunehmend sind Ärztinnen und Ärzte aus Krankenhäusern unter den Opfern, Ordensschwestern, Priester, Pastorinnen und Pastoren, Mitarbeitende aus Hilfsorganisationen.“ In Armenvierteln wurden sogar Schulen geplündert und abgefackelt, weil die Verantwortlichen die verlangten Schutzgelder nicht bezahlen konnten. Die Folge: In fast 450 Schulen findet kein Unterricht mehr statt, elf Gesundheitszentren mussten schließen und in zahlreichen bidonsvilles von Port-au-Prince sind die Straßenmärkte, über die sich die Menschen mit dem Lebensnotwendigen versorgen, verschwunden.

Wo kommen die gewaltigen Waffenarsenale her, auf die sich die Macht der Banden stützt – und deren Feuerkraft die Polizei weitestgehend hilflos gegenübersteht? Pierre-Hugue Augustin beobachtet diese Entwicklung jetzt bereits seit Jahren: „Bei jeder Wahl in Haiti arbeiten die Kandidaten mit Privatarmeen zusammen, die sie mit modernsten Schusswaffen ausstatten. Hinterher gibt es dann natürlich niemanden, der diese Waffen wieder einsammeln würde. Jedem Kind in diesem Land ist klar, dass es eine ganz enge Verbindung zwischen Politik, Regierung und Gangs gibt!“

Die Brutalität dieses Terrors gegen die eigene Bevölkerung, die von RNDDH dokumentiert wird, ist kaum auszuhalten: Da ist von Folter und Verstümmelungen die Rede, von Enthauptungen, von Menschen, denen Autoreifen um den Hals gelegt und dann angezündet werden, von Massenvergewaltigungen und sexuellen Misshandlungen an Kindern, um die Erwachsenen gefügig zu machen und so ganze Stadtteile unter Kontrolle zu bringen.

Aber es gibt noch einen weiteren Schauplatz für das, was sich da in Haiti abspielt: Das Internet! Die beiden wichtigsten Gangs 400 Mazozo (frei übersetzt: „Die 400 Jungs vom Land“) und chen mechan („Die fiesen Hunde“) – aber auch Banden-Zusammenschlüsse wie die G9 Fanmi e alye-Gang („Familie und Verbündete“) überbieten einander bei ihren Internetauftritten mit protzigem Machogehabe und Hasstiraden: Auf ihren TikTok-, Instagram- und Twitter-Kanälen präsentieren sie sich – fast immer völlig ungeniert ohne Masken, behangen mit schweren Goldketten – und bewaffnet mit Schnellfeuergewehren und Pistolen, um denen, die sich ihnen in den Weg stellen, Vernichtung und Tod anzudrohen – aber auch, um Jugendliche anzusprechen und für ihre jeweilige Gang zu rekrutieren.

Krankmachendes Gewaltsystem

Wie lässt sich unter solchen Bedingungen Alltag organisieren, wie können Nichtregierungsorganisationen ihre Arbeit aufrechterhalten? „Wir stehen hier unter einem unglaublichen Stress. Und das Tag für Tag“, antwortetet Pierre-Hugue Augustin, „es gibt inzwischen fast keine Familie mehr, die nicht selbst Gewaltverbrechen erlebt hat.“ Besonders leiden die Kinder. „Die ständige Angst zerstört ihr Selbstwertgefühl, sie wirken apathisch, resigniert, haben Angst, nach draußen zu gehen“, beobachtet der Kinderrechtespezialist. Für Organisationen wie KNH-Haïti ist die Unterstützung der Partnerorganisationen mit unglaublichen logistischen Herausforderungen verbunden. Quasi klandestine Versorgungsrouten, fernab der Hauptstraßen, müssen organisiert werden. Eine reguläre Arbeitsplanung ist so gut wie unmöglich geworden: „Alles hängt von der jeweiligen täglichen Sicherheitslage ab“, erklärt Augustin. „Wenn wir unterwegs sind, ist es ganz entscheidend, ganz engen Kontakt untereinander zu halten, zu jedem Zeitpunkt zu wissen, wo wir sind, Sicherheitshinweise von Partnern unbedingt zu beachten.“ Viele Nichtregierungsorganisationen haben in den zurückliegenden Monaten Personal verloren, weil sich die Mitarbeitenden dem Druck, aber auch den ständigen Todesdrohungen, denen sie und ihre Familienangehörigen ausgesetzt sind, nicht mehr gewachsen fühlen.

Hinzu kommt, dass die toxische Mischung aus endemischer Korruption, das Totalversagen von Polizei und Justiz beim Schutz der Menschen und der Transportrouten in Kombination mit der weltweiten Verteuerung von Energie und Nahrungsmitteln in dem fast vollständig von Importen abhängigen Karibikstaat zu atemberaubenden Preissteigerungen geführt hat. Das UN-Welternährungsprogramm spricht inzwischen von 4,6 Millionen Menschen, die in Haiti hungern und mit Nahrungsmitteln unterstützt werden müssten, und das in einem Land mit nur 11,4 Millionen Einwohnern.

Noch stemmen sich lokale Nichtregierungsorganisationen mit Unterstützung ihrer internationalen Partner gegen den Absturz ins Bodenlose: Die Schul-, Kinderrechts- und Frauenselbsthilfe-Projekte von KNH-Haïti oder auch das Berufsbildungszentrum CDCSH in Port-à-Piment arbeiten weiter, nicht zuletzt, um die Kinder und jungen Leute täglich mit einer Mahlzeit versorgen zu können. Lehrer:innen müssen teilweise abenteuerliche Routen zurücklegen, um an den Kontrollposten der Gangs vorbei an ihren Arbeitsplatz zu gelangen. Doch immer wieder verschwinden Kinder aus dem Unterricht, weil die Familien über Nacht heimlich geflüchtet sind, in dünnbesiedelte Regionen im Landesinnern, in denen der Terror der Gangs noch nicht omnipräsent ist oder – unter Aufbietung ihrer letzten finanziellen Mittel – über Schleuserrouten nach Südamerika oder auf den lebensgefährlichen Weg an die US-Grenze.

Gibt es irgendeine Perspektive für eine Verbesserung? Pierre-Hugue Augustin berichtet von einem Austausch von Entwicklungsorganisationen mit dem deutschen Botschafter in Haiti: „Wir haben gefordert, dass die Welt Haiti – trotz aller anderen derzeitigen Krisen und Konflikte – nicht vergessen darf. Die internationale Gemeinschaft trägt nach dem umstrittenen und schlecht vorbereiteten Abbruch der UN-Schutzmission MINUSTAH im Oktober 2017 eine Mitverantwortung für die dramatische Sicherheitslage. Was wir brauchen, ist internationale Hilfe, um die Gangs zu entwaffnen und zu verhindern, dass Waffen und Munition weiterhin derart unkontrolliert über die Häfen ins Land fließen.“ KNH-Haïti verlangt deshalb, zusammen mit zahlreichen anderen Organisationen aus der Zivilgesellschaft, als ersten Schritt strikte Zollkontrollen.

Ulrike und Reinhard Schaller aus Les Cayes und Port-à-Piment sind indes davon überzeugt, dass in diesen Zeiten allergrößter Bedrängnis den christlichen Kirchen in Haiti eine historische Rolle zukommt: „Die Kirchen im Land sind brechend voll. Noch haben die Menschen sehr viel Gottvertrauen – und spüren, dass die laute und mutige Stimme der Kirchen die letzte verbliebene Brandmauer gegen die Barbarei bildet. Dieses Vertrauen darf auf gar keinen Fall verspielt werden!“ Text