leitartikel

200 Jahre Unabhängigkeit von Zentralamerika

Am 21. September feiern die zentralamerikanischen Republiken und Mexiko den 200. Jahrestag ihrer Unabhängigkeitserklärung. Anders als in Südamerika, wo die Unabhängigkeit über mehr als zehn Jahre in heroischen Schlachten erkämpft wurde, ist die Loslösung Zentralamerikas von der spanischen Krone kein Heldenepos. Bolívar, San Martín und Sucre sind Namen von Patrioten, die auch heute noch jedem Schulkind geläufig sind. Zentralamerikanische Pendants gibt es nicht. Die blutige Geschichte Mittelamerikas wurde in Bürgerkriegen geschrieben, deren Nachwirkungen bis heute nicht aufgearbeitet sind.

Von Ralf Leonhard

Lokale Aufstände in San Salvador oder die indianische Erhebung in Totonicapán wurden niedergeschlagen und konnten das Kolonialregime nicht erschüttern, weil sie sich gar nicht gegen Spanien, sondern gegen korrupte Lokalregierungen richteten. Diese Angst vor einer Machtübernahme der indigenen Mehrheiten war es auch, die die lokalen Oligarchien – vor allem in Guatemala – davon abhielt, gegen das Kolonialregime aufzubegehren. Unter der spanischen Krone wussten sie ihre Interessen besser gewahrt als unter einer möglichen Herrschaft der Unterdrückten. Was schließlich zur Ablösung vom spanischen Mutterland führte, war die Machtübernahme einer liberalen Regierung in Madrid, die das neoabsolutistische Regime von Fernando VII beendete. General Agustín Iturbide, der in Mexiko auf Seiten der Spanier gegen mexikanische Rebellen gekämpft hatte, wechselte mitten im Krieg die Seiten und machte sich zum Anführer der kreolischen Truppen. Damit kippte das militärische Kräfteverhältnis und die Spanier mussten ihr Vizekönigreich Neuspanien in die Unabhängigkeit entlassen. Den Verlust ließen sich die Bourbonen finanziell abgelten, wofür die Republiken sich über Generationen bei englischen Banken verschulden mussten. Guatemala tilgte seine letzte Rate 1963.

Erst suchten die neuen Machthaber nach einem gekrönten Haupt aus Europa, um international Anerkennung zu erreichen. Aber kein Herrscherhaus wollte sich die spanischen Bourbonen zum Feind machen. So krönten die Mexikaner im Juli 1822 den erfolgreichen General Iturbide zum Kaiser. Das Imperium des Agustín I. überdauerte aber nicht einmal ein Jahr. Gegen Iturbides militaristische und zunehmend autoritäre Herrschaft regte sich bald Widerstand und im März 1823 kam er durch seinen Rücktritt der Absetzung durch hohe Militärs zuvor. Nach kurzem Exil in Italien und London, wo er seine Autobiographie schrieb, kehrte der Ex-Kaiser 1824 nach Mexiko zurück, wurde verhaftet und füsiliert. Während in Mexiko die Republik ausgerufen wurde, erklärte sich Zentralamerika als República Federal de Centro América für unabhängig. Zum ersten Präsidenten wurde Manuel José Arce, ein Liberaler aus El Salvador, gewählt.

Von den prägenden Gestalten der jungen Föderation ist einzig Francisco Morazán mit einem gewissen Glorienschein umgeben, zumindest in Honduras und El Salvador. Als Präsident setzte er liberale Reformen durch, die bahnbrechend waren, etwa die Zivilehe und das Zurückdrängen der katholischen Kirche aus dem Unterricht. Deswegen musste er sich die meiste Zeit mit militanten Reaktionären herumschlagen. Im bildungsfernen Rafael Carrera fanden Kirche und Konservative einen idealen Heerführer, der in zahllosen Schlachten das liberale Regime zermürbte und schließlich zu Fall brachte. Morazán floh ins Exil und landete nach seiner Rückkehr vor dem Erschießungskommando. Heute ist Morazán ein Volksmythos der zentralamerikanischen Einheit. Sein Reiterdenkmal steht im Zentrum von Tegucigalpa und in Honduras und El Salvador tragen Departements seinen Namen. Die Föderation zerfiel nicht zuletzt, weil der Führungsanspruch Guatemalas von den anderen Teilstaaten nicht goutiert wurde. Dabei kamen auch politische Gegensätze vor allem zwischen Guatemala (konservativ) und El Salvador (liberal) zum Tragen. Im April 1838 trat Nicaragua aus, weitere Staaten folgten. 1840 war die Föderation endgültig Geschichte.

Rosario Murillo und Daniel Ortega: Planten, unabhängig von den USA, einen Kanal durch Nicaragua | Foto: EFE-Divergentes

Zweigespann der Parteien

Wie in Südamerika, wo der Konflikt zwischen dem Libertador Simón Bolívar (konservativ) und seinem General Francisco de Paula Santander (liberal) am Beginn eines nachhaltig wirksamen Zweiparteiensystems stand, waren auch in Zentralamerika Liberale und Konservative mehr als ein Jahrhundert die entscheidenden Kräfte. Die Konservativen stützten sich auf Großgrundbesitz und die katholische Kirche, während die Liberalen das Leben in den Städten prägten, Freihandel propagierten und meist antiklerikal eingestellt waren. Getrieben vom Fortschrittsglauben sind sie auch für eine Assimilationspolitik verantwortlich, die die indigene Bevölkerung ihrer kommunalen Ländereien beraubte und europäische Investoren ins Land holte, die mit ihren Kaffeepflanzungen das Wachstum beförderten. Es waren auch Liberale in Nicaragua, die den Söldnerführer William Walker aus Tennessee 1855 anwarben, um die Konservativen in einem der unzähligen Bürgerkriege zu schlagen. Die Konsequenz war nach der Niederlage der Konservativen ein neokoloniales Regime unter Walker, der die Sklaverei und den US-Dollar einführte. Der Anschluss an die USA war geplant.

Das Vorhaben hatte in den USA hochrangige Sponsoren, führte über Nicaragua mit seinem riesigen See und dem schiffbaren Río San Juan doch die kostengünstigste und ungefährlichste Route vom Osten der USA in den Westen, wo 1849 der Goldrausch ausgebrochen war und tausende Glücksritter anzog. Auch als die USA schließlich in Panama einen Kanal bauten und die kolumbianische Provinz zu diesem Zweck in die Unabhängigkeit trieben (1903), war Nicaragua nicht aus dem Schneider. Die Regierung musste 1914 – als der Panama-Kanal gerade eröffnet wurde – einen Vertrag unterschreiben, der den USA „auf ewige Zeiten“ das Recht zugestand, durch das Land einen Kanal zu graben. Das hatte Washington gar nicht vor, ging es doch darum zu verhindern, dass irgendwer anderer einen solchen Kanal baut.

Nicaragua war damals von den USA besetzt. Die Marineinfanteristen waren 1912 einmarschiert, nachdem Präsident José Santos Zelaya mit Japan und dem Deutschen Reich Verhandlungen über einen Kanalbau aufgenommen hatte. Sie blieben im Land, bis Augusto C. Sandino mit seiner Guerillatruppe einen erfolgreichen Zermürbungskrieg gegen die Besatzer führte. Die USA hinterließen

Honduras 2019: Protest gegen geplante Kürzungen bei Bildung und Gesundheit | Foto: Martín Cálix/Contracorriente

eine Nationalgarde unter ihrem Vertrauensmann Anastasio Somoza García. Der ließ Sandino nach dem Friedensschluss in einen Hinterhalt locken und ermorden. Es folgten über 40 Jahre Diktatur unter dem Somoza-Clan.

Die Kaffeerepubliken

Als William Walker Nicaragua in einen Bundesstaat der USA verwandeln wollte, hörten die Präsidenten der Nachbarländer die Hilferufe der Nicaraguaner. Rafael Mora aus Costa Rica war der erste, der auch Truppen schickte, denn er sah auch sein Land durch den Expansionismus der USA bedroht. Dieser zentralamerikanische Schulterschluss gegen die Filibusteros stärkte das Zusammengehörigkeitsgefühl der fünf Republiken und ließ in manchen die Hoffnung auf einen neuen Zusammenschluss wiedererstehen. Guatemalas Präsident Justo Rufino Barrios (1873-1885), dessen Portrait die Fünf-Quetzal-Note ziert, sollte später dabei scheitern, die Wiedervereinigung militärisch zu erzwingen.

Mit Ausnahme von Honduras setzten die zentralamerikanischen Republiken in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auf den Kaffee und damit auf die Integration in den Weltmarkt. Dieses Projekt der Liberalen löste eine Phase der wirtschaftlichen Prosperität aus, von der allerdings nicht alle profitierten. Und spätestens die Weltwirtschaftskrise ab 1929 zeigte die verheerenden Folgen der einseitigen Abhängigkeit von einem Exportprodukt. Der Verfall der Kaffeepreise auf dem Weltmarkt und die damit einhergehende Lohnkürzung für die ohnehin miserabel bezahlten Arbeiter löste in El Salvador einen Aufstand aus, der im Blut von geschätzten 30.000 vorwiegend indianischen Bauern erstickt wurde. Es brach die Zeit der offenen Militärdiktaturen aus: Maximiliano Hernández Martínez in El Salvador und Jorge Ubico in Guatemala waren die schillerndsten Vertreter ihrer Spezies. Sie sympathisierten mit Hitler und Mussolini, mussten sich aber aus geostrategischen Gründen den USA im Zweiten Weltkrieg anschließen. Das hatte den Kollateralnutzen, dass man Deutsche als Kriegsgegner enteignen konnte.

Die USA waren im 20. Jahrhundert endgültig zur entscheidenden Macht in der Region geworden. In Washington sprach man gerne vom „Hinterhof“ Zentralamerika. Interventionen, wie 1954 in Guatemala, wo die CIA federführend an der Beendigung eines zehnjährigen demokratischen Frühlings beteiligt war, die Aufrüstung der ganzen Region gegen das revolutionäre Nicaragua in den 1980er Jahren oder die Militärintervention in Panama, die 1989 die Herrschaft des außer Kontrolle geratenen Generals Noriega beendete, sind nur die besonders drastischen Beispiele für die Einmischung der Supermacht. Meist stützten sie despotische Regimes, die für die gewünschte Stabilität sorgten. Dass dabei jede demokratische Machtablöse zur Illusion wurde, hat nicht unwesentlich zum Entstehen von linken Guerillabewegungen beigetragen, die – von Kuba unterstützt – einen Regimewechsel und soziale Gerechtigkeit mit Waffengewalt herbeiführen wollten.

Durch die Konflikte der 1980er Jahre sind die Republiken einander wieder näher gekommen. Der Friedensplan von Esquipulas, mit dem die Präsidenten von Guatemala und Costa Rica die bewaffneten Konflikte ohne Einmischung der USA beilegen konnten, hat auch ideologisch sehr unterschiedlich gepolten Präsidenten die Notwendigkeit der Zusammenarbeit vor Augen geführt. Die von den Vereinten Nationen angetriebenen Integrationsversuche der 1960er Jahre hatten ja mit dem „Fußballkrieg“ zwischen Honduras und El Salvador ein jähes Ende gefunden. Jetzt ist man sich einig, dass gemeinsame Zollvereinbarungen, Migrationspolitiken oder Klimaschutzmaßnahmen allen dienen. Von einer Integration, wie sie die EU vorlebt, ist man aber noch weit entfernt.

Das Gedenken an die Zeit der Unabhängigkeitserklärung und die kurzlebige Föderation wäre eine Gelegenheit, weniger mit pompösen Militärparaden das martialische Erbe der Region zu feiern, als in länderübergreifenden Dialogen zu diskutieren, wie man aus den zahlreichen Fehlern der Vergangenheit lernen und solide Demokratien einrichten kann. Leider laufen in fast allen Ländern der Region die Entwicklungen derzeit in die falsche Richtung.