editorial

Es ist Krieg in Europa und vom Río Bravo bis Feuerland spürt man den Donner der Kanonen. Auf dem Subkontinent, wo man die letzten 200 Jahre beim Schlagwort imperialistische Aggression automatisch an die Interventionen der USA denken musste, fällt es schwer, den Angriffskrieg in der Ukraine politisch einzuordnen. Angesichts der unbestreitbaren geostrategischen Interessen Washingtons am Rande Europas neigen viele dazu, den wirklichen Aggressor im Weißen Haus zu suchen. Das umso mehr, als die Propagandamedien des Kremls in Lateinamerika ihr Zielpublikum auf der Linken finden, wo Meldungen über die Missetaten der USA auf fruchtbaren Boden fallen.

Klar auf der Seite Putins stehen allerdings nur jene Regierungen, die seit den Zeiten der Sowjetunion enge Beziehungen nach Moskau pflegen, oder jene, die in die wirtschaftliche Abhängigkeit von Russland und China geraten sind. Die meisten Regierungen ziehen sich einfach auf das geheiligte Prinzip der Nichteinmischung zurück und enthalten sich bei Resolutionen gegen Russland in den Vereinten Nationen der Stimme. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang die Position der neuen progressiven Regierung von Chile, die nicht reflexartig den Gegner der USA favorisiert, sondern den wahren Kriegstreiber benennt. Man kann darin einen Reifeprozess der Linken erkennen.

Kurioserweise ermöglicht die durch die blutige Intervention ausgelöste Krise eine Annäherung zwischen den USA und Venezuela, das als Erdöllieferant an Gewicht gewinnt. Vor allem wirtschaftlich spüren alle lateinamerikanischen Nationen den Krieg. Die Exporteure fossiler Brennstoffe profitieren, die großen Mehrheiten leiden aber unter dem Preisauftrieb. In den schon durch zwei Jahre Pandemie gebeutelten Gesellschaften sammelt sich dadurch zusätzlicher sozialer Sprengstoff. Der könnte auch – ein Jahr nach den wochenlangen Straßenprotesten in Kolumbien – am 29. Mai eine politische Wende in einem der konservativsten Länder Südamerikas begünstigen.

Ralf Leonhard