editorial

Die Pflicht des Revolutionärs ist es, die Revolution zu machen“, sagte Che Guevara vor mehr als einem halben Jahrhundert. Nur: „Was für eine?“, möchte man heute fragen. Der Begriff wird inflationär verwendet. Während Lateinamerika mit der Pandemie und einer sich abzeichnenden wirtschaftlichen und sozialen Folgekrise historischen Ausmaßes ringt, kämpft der Prototyp der Revolutionen in Kuba mit der x-ten Ankündigung von Wirtschaftsreformen weiter ums Überleben (S. 25). Auch Nicaragua und Venezuela sind heute alles andere als strahlende Leuchttürme. „Nur ein kleines Land im Herzen des Halbkontinents…“ möchte man in Anlehnung an Asterix sagen: In Bolivien hat sich die Demokratie gegen die Konterrevolution durchgesetzt. Aber ist damit auch der „Prozess des Wandels“ zurück? Welche Hindernisse gibt es und welche Perspektiven bestehen? Wir schauen in unserem Schwerpunkt aber auch in die Vergangenheit, in verschiedene Politikfelder und aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Welche Versäumnisse gab es? Welche Fehler wurden gemacht? Was wurde erreicht? Bolivien kann Denkanstöße geben. Hätte man gemeinsame Zielvorstellungen entwickelt, hätte man das indigene und ökologische Lager nicht verloren, könnten in Ecuador schon nach dem ersten Wahlgang die Weichen gegen eine Fortsetzung des neoliberalen Kurses gestellt sein. Um eine solche Weichenstellung geht es bei den Wahlen zur verfassunggebenden Versammlung auch in Chile (S. 28). Wird der überfällige Kurswechsel an der mangelnden Einheit der Linken scheitern? Einen für die Frauenbewegung in ganz Lateinamerika wegweisenden Erfolg brachte die Legalisierung des Schwangerschaftsabbruchs in Argentinien (S. 32).

Mit der Abwahl von Donald Trump atmet die Welt auf. Präsident Biden kennt Lateinamerika so gut wie keiner seiner Vorgänger. Einerseits stand er in der Vergangenheit nicht gerade für progressistische Politik in der Region. Andererseits hat er sich mehrmals als lernfähig erwiesen. Eine Prognose zu wagen, schien uns noch zu früh. Wir werden Washingtons Politik in der Hemisphäre jedenfalls im Auge behalten.

Robert Lessmann