editorial

Corona beherrscht nicht mehr die Politik, wie noch im ersten Halbjahr 2020. Das liegt aber nicht daran, dass sich die Pandemie abgeschwächt hätte, sondern am Gewöhnungseffekt und daran, dass die Menschen nichts mehr davon hören wollen. Es wird aber weiter gestorben und Wirtschaftskraft vernichtet. Zwar fehlt es nicht an Bewegungen und auch prominenten Stimmen, die von der Politik eine grundsätzliche Kehrtwende in Richtung einer ökologischer ausgerichteten Wirtschaft und einer solidarischen Gesellschaft fordern, doch in der Realität steigen vor allem die Vermögen der Superreichen, während die Existenzen der Habenichtse auf der Kippe stehen. Eine Öko-Wende ist nicht in Sicht.

Dieses Heft sollte den Aufbruch beschreiben, den die Krise ausgelöst hat. Die Ergebnisse unserer Recherchen sind aber äußerst ambivalent und teilweise regelrecht ernüchternd. In Mexiko hat sich Präsident López Obrador nicht davon abhalten lassen, seine umstrittenen Infrastrukturprojekte voranzutreiben, Bolivien sieht sein Heil in mehr Extraktivismus, wobei neben Erdgas jetzt Lithium zum Exportschlager werden soll. In Peru, wo Covid-19 rapide um sich greift, hat der Notstand die massenhafte Vertreibung oder Flucht venezolanischer Flüchtlinge zur Folge. Brasiliens rechtsextremer Präsident Jair Bolsonaro, der die Wissenschaft als feindliche Kraft versteht, setzt seinen Feldzug gegen Schulen und Universitäten fort. Corona und das große Sterben liefern eine willkommene Ablenkung von der obskurantistischen Bildungspolitik. Besonders lesenswert ist auch das Interview mit dem Befreiungstheologen Frei Betto.

Das Staatsversagen hat aber gleichzeitig eine Unzahl von Selbsthilfegruppen hervorgerufen, die ursprünglich auf den Schutz vor der Ansteckung in überbevölkerten Vierteln oder von besonders gefährdeten Gruppen ausgerichtet waren. Aus einigen sind aber Initiativen erwachsen, die breitere politische Forderungen formulieren und eine Wende Post-Corona einfordern. Man wird sehen, ob sie die Krise überleben oder im schärfer werdenden Existenzkampf untergehen.

Ralf Leonhard